Mannheim

Historie Weimarer Verfassung legt die Basis

Talent wichtiger als Geldbeutel

„Auf einer für alle gemeinsamen Grundschule baut sich das mittlere und höhere Schulwesen auf.“ Dieser Satz steht in Artikel 146 der Weimarer Reichsverfassung. Sie wurde am 14. August 1919, exakt vor 100 Jahren, verkündet. Die Verfassung der ersten Demokratie in Deutschland ist also zugleich die „Gründungsurkunde“ der Grundschule, wie wir sie heute kennen. Denn fortan sollte – zumindest theoretisch – nicht mehr der Geldbeutel der Eltern über die Chancen ihrer Kinder bestimmen.

Wie sah es davor, in der Kaiserzeit, aus? Stand und Vermögen spielten bei Bildungschancen die entscheidende Rolle. Zwar gab es eine kostenlose „Volksschule“ für Kinder der „unteren Schichten“. Aber daneben bedurfte es eines gut gefüllten Geldbeutels. „So schickten die Wohlhabenden ihre Kinder selbstverständlich auf Privatschulen, vor allem in der Zeit vor dem Übergang in die höheren Schulen, die in kommunaler, kirchlicher oder staatlicher Hand lagen“, beschreibt Heinz-Elmar Tenorth, Professor für Historische Erziehungswissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität.

Öffentliche Förderung

Die Weimarer Verfassung dagegen betonte, „für die Aufnahme eines Kindes in eine bestimmte Schule sind seine Anlage und Neigung, nicht die wirtschaftliche und gesellschaftliche Stellung oder das Religionsbekenntnis seiner Eltern maßgebend“. Außerdem seien „für den Zugang Minderbemittelter zu den mittleren und höheren Schulen“ durch „Reich, Länder und Gemeinden öffentliche Mittel bereitzustellen, insbesondere Erziehungshilfen für Eltern von Kindern, die zur Ausbildung auf mittleren und höheren Schulen für geeignet erachtet werden, bis zur Beendigung ihrer Ausbildung“.

So progressiv das klingen mag: Möglich wurde der Paradigmenwechsel nur durch Zugeständnisse an Konservative – weshalb die Regelungen als „Weimarer Schulkompromiss“ in die Geschichtsbücher eingegangen sind. Denn zugleich erlaubte die Verfassung die Beibehaltung von Bekenntnisschulen. Nicht aufgenommen wurde die Forderung nach einer sechs- bis achtjährigen Grundschule. So fasst Horst Bartnitzky, Ehrenmitglied des deutschen Grundschulverbands, zusammen: „Die Grundschule wurde keine eigenständige Schulstufe, sondern Teil der Volksschule mit ihrer schlichten volkstümlichen Bildung.“ Sie sei „im Verständnis der gymnasialorientierten Eltern damit nur Vorschule“ gewesen, „die vor allem Lesen, Schreiben und Rechnen vermitteln sollte, bevor das eigentliche, das gymnasiale Lernen einsetzte“.

Reformprojekte greifen

Grundsätzlich geändert habe sich das erst seit den 1960er Jahren. In den folgenden Jahrzehnten, so Bartnitzky, „entwickelte sich eine unerhörte Fülle an pädagogischen Innovationen“, aufbauend auf der 1919 fixierten Vorstellung einer „für alle gemeinsamen Grundschule“.

Konzepte wie „lebendige Reformschulen mit innerer Differenzierung, freier Arbeit, Projekten und Formen individueller Beurteilung“ seien umgesetzt worden. „In den 1970er Jahren begannen erste Schulen mit gemeinsamem Unterricht behinderter und nicht behinderter Kinder. Eine Grundschulforschung entstand, die Schul- und Unterrichtsentwicklungen kritisch-konstruktiv begleitete“, so Bartnitzky.

Von gleichen Bildungschancen für alle, darin sind sich viele Experten einig, kann aber nach wie vor keine Rede sein. Dafür verantwortlich macht Horst Bartnitzky nicht zuletzt die „Unterversorgung der Grundschulen“ etwa mit Personal.

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