Mannheim

Sport Katholisches Blinden- und Sehbehindertenwerk bittet zum Tanz / Kurs für Menschen, die ihr Augenlicht verloren haben

„Tango musst du spüren, nicht sehen“

„Laaang, laaang, kurz, kurz, kurz“, ruft Reinhold Sommer in den Saal und bewegt sich dabei mit gleitenden Schritten vorwärts. Der Tanzlehrer weiß, auf was es hier ankommt, seine Erfahrungen im Fach Tango Argentino, dem argentinischen Tango, zählen in Jahrzehnten. Und doch ist hier, im Haus der Jugend in C 2, vieles ganz anders. Gut die Hälfte der Frauen und Männer, die sich da im Wiegeschritt vorwärts bewegen, ihre Tanzpartner mit eleganter Geste über das Parkett führen und dann wieder innehalten, um zuzuhören, können nicht sehen, was ihr Lehrer tut. Eine Tangostunde für Blinde und Sehbehinderte – sie unterscheidet sich eigentlich nur in dieser einen – didaktischen – Besonderheit von allen anderen Tangostunden irgendwo in der Welt.

Zehn Paare – eine Leidenschaft

„Den Tango Argentino spürt man, du musst ihn nicht sehen“, sagt Sommer. 69 ist er, man schätzt ihn höchstens auf Mitte 50. „Tango hält eben jung“, der Tanz – „eine Leidenschaft“. Eine, die die etwa 20 Tänzerinnen und Tänzer in dem kleinen Saal teilen. Wer von den gemischten Paaren – je ein sehender und ein nicht sehender Partner finden stets zusammen – nun sieht und wer nicht, ist zumindest auf den ersten Blick nicht zu erkennen. Christoph Graf (56) beispielsweise hat sein Augenlicht erst nach dem zwölften Lebensjahr verloren, „eine Krankheit“, sagt der Mann im grauen Hemd, seine Sehkraft sei allmählich erloschen, jetzt sei er eben blind. Graf hat die Menschen hier zusammengebracht, alles Tanzbegeisterte, die meisten von ihnen im mittleren Alter. Er ist Regionalgruppenleiter im Katholischen Blinden- und Sehbehindertenwerk und hat sich zum Ziel gesetzt, mehr solcher Projekte zu organisieren: „Die Leute wollen nicht nur beten“, sagt er und lacht, „sie wollen auch tanzen“.

Peter Derieux (72) und seine Frau Traudel beispielsweise haben immer gern getanzt, „gell Schatz“, sagt er zu ihr, und sie nickt. „Für den Herrn ist es einfacher“, meint Traudel Derieux, „er führt, ich muss es umsetzen“. Das klappt, obwohl man erst die sechste Unterrichtsstunde hat, sehr gut, harmonische, fließende Schritte und Bewegungen wechseln sich ab mit kurzem, stakkatohaftem Trippeln, alles folgt dem Rhythmus der Musik, die den Saal erfüllt.

„Bei Tanzveranstaltungen ist es eher schwierig“, bekennt Peter Derieux, wenn man sich frei im Raum bewege und die Tanzfläche voller Tänzer sei. Er ist erblindet, „doch wir tanzen noch immer aus Leidenschaft“.

Dass das hier möglich ist, haben Christoph Graf und die Tänzer auch Daniel Kunz (41) zu verdanken, er ist als Jugendpfarrer der Katholischen Kirche auch Blindenseelsorger. „Wir wollen hier in Zukunft nicht nur Tanzkurse organisieren, sondern auch ein Beratungsangebot aufbauen“. Das wird er freilich aus der Ferne beobachten, „ich wechsle in die Seelsorgeeinheit Maria Magdalena“, merkt der Priester an. „Es wäre richtig, dass wir bald einen neuen Blindenseelsorger bekommen“, wünscht sich Graf, „einen, mit dem wir so hervorragend zusammenarbeiten wie mit Pfarrer Kunz“.

Während wir reden, erklärt Tanzlehrer Sommer den Wiegeschritt: „Ganz wichtig, damit hat die sehende Partnerin die Gelegenheit, die sich ja rückwärts bewegt, die Gelegenheit, sich umzudrehen und zu sehen, ob der Weg für die nächsten Schritte frei ist oder nicht“. Falls nicht, teile sie das dem Herrn durch ein kurzes Sperren mit – „beim Tango wird nicht geredet, der Tanz ist Gefühl“. Sei es dagegen die Partnerin, die nicht sehe, „ist das recht einfach: Nur dem Gefühl vertrauen, gute Tango-Tänzerinnen tanzen eh fast alle mit geschlossenen Augen.“

Dieses sich dem Rhythmus und der Bewegung hingeben, das fasziniert Gisela Hilger, sie sei spät erblindet, sagt die 65-Jährige, und sie liebe das Tanzen: Disco-Fox, Walzer, und jetzt eben den Tango“, sagt sie. „Ich würde gerne mehr tanzen, aber leider fehlt mir der Partner.“ Hier, beim Kurs, sei das anders, viele aus der Tangoszene der Region kommen samstags hierher nach C 2, um einfach die Reihen zu füllen und mitzutanzen. Werner Albrecht etwa. „Das ist in der Szene immer so: Sie lebt davon, dass Erfahrene die Anfänger an die Hand nehmen“, sagt der 57-Jährige. Und es mache ja auch „einen Riesenspaß“. Gisela Hilger sagt es anders: „Das Tangotanzen, das macht mich glücklich“.