Mannheim

Fußball In der Unibibliothek sind Bücher und Gegenstände aus dem Haus der Trainerlegende zu sehen / Von Machiavelli bis Dale Carnegy

Tiefe Einblicke in Herbergers Leben

Archivartikel

Als die Direktorin der Mannheimer Universitätsbibliothek, Sabine Gehrlein, hörte, dass es ausgerechnet der Fußball sein soll, der in ihren Hallen seinen Platz finden soll, „konnte ich mir das zuerst einmal überhaupt nicht vorstellen“, wie die Wissenschaftlerin freimütig zugibt. Einige Wochen und zahlreiche Lektürestunden später hatte sich die Meinung der Bibliotheksleiterin deutlich geändert. Denn es war nicht irgendjemand, sondern mit Seppl Herberger ein Mannheimer Kind von Rang und Namen, dessen Wesen man hier nachzeichnen wollt. Auf ganz besondere Art, mit einer Schau von Exponaten aus der Privatbibliothek des Weltmeister-Trainers von 1954.

Manuel Neukirchner, Direktor des Deutschen Fußball-Museums in Dortmund, nennt es an diesem Nachmittag in der Mannheimer Universitätsbibliothek in A 3 „Herbergers letztes großes Geheimnis“, für viele andere ist es mindestens eines von wenigen unerschlossenen Kapiteln im Leben eines Mannes, der aus Mannheims Norden in die Welt auszog, um Fußballgeschichte zu schreiben: die Literatur.

Spieltrieb und Disziplin

Und in dieser Passion ließ sich Herberger nicht beirren. Zwar musste der junge Spross die höhere Schule bereits im zarten Alter von zwölf Jahren verlassen, um nach dem frühen Tod des Vaters für das Auskommen seiner Familie zu sorgen. Doch Oberbürgermeister Peter Kurz lässt in seinem Grußwort nicht unerwähnt, dass das Herbergers „Aufstieg aus einfachsten Verhältnissen an die Spitze“ eher noch anspornte.

Herberger also als Mannemer Bu, der es allen zeigte? Wenn man den Diskutanten dieses Nachmittages glauben darf: absolut. Herbergers Urgroßneffe, der Produzent Michael Herberger, zeichnet das Bild eines passionierten Mannes, der mit Herzlichkeit nicht sparte, Reliquien wie den WM-Ball von 1954 aber immer in einem eigenen Zimmer im Obergeschoss aufbewahrte. Dort verschlang er auch seine Gebrauchsliteratur. Manuel Neukirchner berichtet, dass sich kaum Romane und Unterhaltungsliteratur darunter befanden – stattdessen las der Stratege den „Homo ludens“ von Huizinga, Machttheorien von Machiavelli und Motivationsschriften des US-Amerikaners Dale Carnegy.

Dass er den Fußball der späten 40er und frühen 50er Jahre mit seinen Ideen zwischen Spieltrieb und Disziplin revolutionierte und seine Spieler fangen spielen ließ, anstatt sie marschieren zu lassen, gefiel seinerzeit keineswegs jedem, allein der Erfolg gab ihm recht. Zwar darf man bezweifeln, dass Herberger wirklich jener „absolut unpolitische Mensch“ war, den Neukirchner in Mannheim gern aus ihm machen will. Doch auch Mannheims Literaturprofessor Christoph Weiß zeigt sich zu steilen Thesen bereit, wenn er Herbergers Lektüre von Militärstrategie in die Nähe einer Kriegsfortsetzung auf dem Rasen rückt.

Wie man es dreht und wendet: Die Diskussion dieses Nachmittags bestätigt, dass die Figur Herberger ein streitbarer Charakter war, über den man sich selten einig wurde. Auf der einen Seite schuf er aus einer komplexen Sprache griffige Bonmots wie „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ und „Der nächste Gegner ist immer der schwerste“, die sich ebenso zeitlos wie fest in den Sprachgebrauch eingebettet haben. Auf der anderen Seite glänzte er auch als Rebell.

Selbstverständlich liegt mit den 50 Exponaten und 40 Büchern, die nun in Mannheim zu sehen sind, nur ein Bruchteil der Sammlung von mehr als 1500 Werken vor, die die Weltmeistertrainer teilweise mit etlichen handschriftlichen Notizen durchgearbeitet hat: Und doch ermöglichen sie einen tiefen Einblick in das private Leben einer Mannheimer Trainerlegende, die ihren Spielern vor jedem Turnier handschriftlich verfasste Briefe als persönliche Handlungshinweise schickte.

So folgen an einem schwülheißen Nachmittag nicht nur voll besetzte Reihen einer packenden Podiumsdiskussion, die im besten Herbergerschen Sinne zwischen Reiz und Provokation hin- und herschwingt. Die Gäste nehmen auch die vier Schaukästen samt Plakatwänden ins Visier, die mit einem Audio-Porträt der Figur Seppl Herberger ebenso aufwarten wie mit jeder Menge Raum für neue niedergeschriebene Leitmotive. Die Ausstellung ist noch bis 31. Juli zu sehen.

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