Mannheim

Geschichte Lilian Jérôme stellt im Marchivum ihr Werk über Zwangsarbeiter vor, die 1944 aus ihrer Heimat deportiert wurden

Tod durch Krankheiten, Arbeitsunfälle und Massaker

Archivartikel

Millionen Weltkriegstote – für den Verstand nicht fassbar. Doch wenn Einzelschicksale betrachtet werden, ist das Grauenvolle nachvollziehbar. Genau dies hat Lilian Jérôme getan, sie ging den Lebensläufen von 29 Franzosen nach. Sie gehörten zu rund 1700 Männern zwischen 16 und 60 Jahren, die im Spätherbst 1944 aus Saint-Dié im Elsass nach Mannheim verschleppt wurden. Damit sollte der Widerstand in der Region geschwächt werden, und die Firmen hier erhielten Zwangsarbeiter. Der Grund für die Auswahl der 29: Sie sind in Deutschland gestorben – oder später in Frankreich – an den Folgen der Zwangsarbeit.

Jetzt wurde das aus der Forschungsarbeit entstandene Buch vor über 100 Besuchern – darunter rund zehn Gäste aus Saint-Dié – im Marchivum vorgestellt. Stadträtin Helen Heberer las gut akzentuiert sowohl auf Französisch als auch Deutsch drei Kapitel vor. In einem ging es um den Volksschullehrer Pierre Bernard. Er hatte mit seiner Ehefrau drei Kinder, liebte Literatur, Kunst und Wissenschaft. Beruflich ließ er sich von den Reformideen Pestalozzis inspirieren. Er war im Widerstand aktiv und wurde, so erinnert sich sein damals sechsjähriger Sohn, von der Gestapo verschleppt.

Opfern ein Gesicht geben

Noch am 22. Januar 1945 verschickte er aus Mannheim über das Rote Kreuz eine Karte, in der er schrieb: „Gute Gesundheit, ausgezeichnete Moral, ertrage den Winter und die Schneeflocken gut. Denke oft an euch. Seid unbesorgt um mich. Gute Hoffnung. Umarme euch zärtlich.“ Doch am 1. April, zwei Tage vor Ankunft der Amerikaner, war er tot: Tuberkulose. Lilian Jérôme hat sein Leben auf drei Seiten geschildert, mit Hobbys, Vorlieben, Aussagen von Angehörigen und Dokumenten wie dieser Postkarte.

Fotos ergänzen die Porträts – das Buch ist anders als viele wissenschaftliche Werke schön gestaltet und in leicht verständlicher Sprache geschrieben. Der Autorin war es „wichtig, Erinnerungsarbeit zu machen, um den Namen ein Gesicht zu geben“. Die aufwendige Forschung habe sie für die Nachkommen der Verstorbenen geleistet. Zu Beginn hatte sie nur eine Liste mit Namen. In unzähligen Telefonaten mit Angehörigen und vielen Stunden Arbeit in mehreren Archiven sammelte sie Informationen zu den 29 Männern.

Pierre Bernard starb an einer Krankheit, so erging es insgesamt zehn der Verschleppten. Wobei dabei wichtig zu wissen ist, dass sie nur alte Kleidung mitgenommen hatten und in Deutschland schlecht versorgt wurden. Vier starben bei Arbeitsunfällen, auf Sicherheit wurde bei Zwangsarbeitern kaum geachtet. Fünf weitere durch Luftangriffe, zwei an den Kriegsfolgen. Drei wurden im Konzentrationslager ermordet und zwei weitere auf dem Seckenheimer Güterbahnhof.

Dort, so Co-Autor Peter Koppenhöfer in seiner Ansprache, habe es am vorletzten Kriegstag ein Massaker gegeben, bei dem 18 Männer ermordet wurden. Der Historiker beschäftigt sich schon lange mit der Geschichte der Deportierten aus dem Elsass. Diese Deportationen seien von der Wehrmacht veranlasst worden, um möglichst viele Männer zu entfernen – sie galten als potenzielle Widerstandskämpfer.

Im Herbst 1944 habe man ihnen gesagt, dass sie in der Nähe Schützengräben ausheben sollten. Deshalb hatten sie nur alte Kleidung dabei. Stattdessen wurden in drei Zügen nach Mannheim verfrachtet. In der Region Saint-Dié wurden Angehörige aus Häusern vertrieben, 40 Orte von den Deutschen geplündert und in Brand gesteckt. Koppenhöfer: „Es war das einzige Gebiet an der Westfront mit der Politik der verbrannten Erde wie an der Ostfront.“

Schritte zur Versöhnung

Annette Tible von der „Vereinigung der Deportierten nach Mannheim“ betonte: „Das Buch ist ein Meilenstein in der Versöhnung.“ Gelebt wird diese Versöhnung unter anderem in Schriesheim. Die stellvertretende Bürgermeisterin Fadime Tuncer betonte, dass es seit gut zehn Jahren freundschaftliche Beziehungen zu Saint-Dié gebe. Hintergrund: Auch in Schriesheim waren Zwangsarbeiter untergebracht.

Bruno Toussant, stellvertretender Bürgermeister von Saint-Dié, erläuterte, dass aus der Gegend auch Menschen in Vernichtungslager deportiert wurden. Das Reden und Schreiben über diese Vorgänge sei der beste Weg, um Krieg zu vermeiden. Mannheims Erster Bürgermeister Christian Specht betonte, dass in einer Zeit des zunehmenden Nationalismus in Europa die Erinnerungsarbeit wichtige denn je sei.

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