Mannheim

Historiker-Witwe Im Alter von 97 Jahren verstorben

Trauer in Mannheim um Gerda Weber

Archivartikel

Mannheim.Die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts und die permanente Auseinandersetzung mit dem Zeitalter der Extreme prägten das Leben von Gerda Weber. Mit ihr geht eine Persönlichkeit der Arbeiterbewegung verloren, die deren Wandlungen, Irrungen, Abgründe, Rückschläge, aber auch Erfolge, Veränderungen, Modernisierungen und Verbesserungen erlebt und erfahren und diese ebenso analysiert, kritisiert und mitgestaltet hat.

Gerda Weber arbeitete und kämpfte an der Seite ihres Mannes Hermann Weber, um ihrer gemeinsamen Vision einer gerechteren und besseren Welt entgegenzutreten. Dass dies nur auf demokratischem Wege möglich sein würde, „so mühsam und langwierig uns der Weg auch immer scheinen mag“ („Leben nach dem Prinzip links“), war die Quintessenz ihres politischen Lebens.

Dass Gerda Webers Lebensweg nicht den Verlauf einer bildungsbürgerlichen Normalbiographie folgen würde, sondern dem Emanzipationspfad einer jungen Frau aus einfachen Verhältnissen, war durch ihre Herkunft aus einem sozialdemokratischen Handwerker-Milieu bestimmt. Ihr Vater hatte eine Schuhmacherwerkstatt im Brandenburgischen Perleberg und starb bereits 1933. Ihre verwitwete Mutter zog die junge Gerda, die 1923 geboren wurde, in der dann folgenden NS-Zeit im vertrauten Kreis naher Freunde auf.

Nach dem Krieg engagierte sich Gerda Weber politisch: „Nie wieder Krieg, nie wieder Diktatur“. Erst in den Strukturen der SPD, dann nach der Zwangsvereinigung von KPD und SPD in der SED. Ihr politisches Engagement führte sie 1947 auf die SED-Parteihochschule „Karl Marx“. Dort lernte sie auch ihren späteren Mann Hermann Weber kennen und lieben, der von der KPD-Bezirksleitung Baden mit anderen bekannten Mannheimer Genossen wie dem späteren DKP-Vorsitzenden Herbert Mies zur Parteihochschule delegiert worden war.

Gemeinsam mit Hermann Weber lernte sie die Verwerfungen des ostdeutschen Parteikommunismus genauso kennen, wie den langen Schatten der NS-Diktatur in den bundesdeutschen Amtsstuben. Als ihr Mann als späterer Chefredakteur der FDJ-Zeitung in der Bundesrepublik ein Telegramm Stalins 1951 nicht angemessen würdigte, wurde er von Erich Honecker abgesetzt. Gerda stand zu dem Zeitpunkt noch an der Spitze des kommunistischen Demokratischen Frauenbundes Deutschlands (DFD) in der Bundesrepublik. Nun setzte die innerparteiliche Ausgrenzung ein. 1954 wurde Hermann Weber als „Agent“ durch den damaligen KPD-Kreissekretär Fritz Salm aus der KPD ausgeschlossen. Zuvor hatte Hermann Weber bereits ein Jahr Haft aufgrund seiner Tätigkeit für die illegale KPD hinter sich und auch Gerda wurde aufgrund ihrer politischen Tätigkeit verhaftet. Es folgten Jahre der ostdeutschen Diffamierung und der Attacken auf Gerda und Hermann Weber.

In den folgenden Jahren standen Gerda und Hermann stets Seite an Seite. Ihre politische Heimat fanden Sie in der SPD. Getragen durch ein Netzwerk von Parteifreunden und dank der immensen Kenntnisse des ostdeutschen Parteikommunismus glückte Hermann Weber der Sprung in die Wissenschaft. Als „Nestor der DDR-Forschung“ würde er auch international bekannt und als exzellenter Kenner des deutschen und internationalen Kommunismus geschätzt. Gerda war dabei das Multitalent und wirkte nicht nur im Hintergrund als „Privatsekretärin“ und Lektorin ihres Mannes, sondern setzte ihre eigenen Akzente als Autorin zur Frauen- und Bildungspolitik und später als Mäzenin und Stifterin.

Der Höhepunkt ihres politischen Lebens war der Zusammenbruch der ostdeutschen Parteidiktatur in Folge der friedlichen Revolution in der DDR und die Deutsche Einheit. In der Schaffung der Gerda-und-Hermann Weber-Stiftung mündete ihr Bestreben, dass am Ende der Diktatur die Aufarbeitung ihres Erbes stehen und die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem deutschen und internationalen Kommunismus fortgesetzt werden müsse. Zahlreiche Forschungsprojekte verdanken der Stiftung ihre Existenz.

Gerda und Hermann Weber hatten in ihren gemeinsamen 64 Lebensjahren eine symbiotische Beziehung entwickelt, in der eine nicht mehr ohne den anderen vorstellbar war. Und doch zeigte Gerda Weber als ihr Mann Hermann Weber 2014 verstarb, „wie viel Kraft in ihrem gesundheitlich so angeschlagenen Körper steckte und wie wach und energisch ihr Geist noch im höchsten Alter war und bleiben sollte“, wie der langjährige Wegbegleiter der Familie Weber, Ulrich Mählert, in seinem Nachruf auf Gerda Weber für die Bundesstiftung Aufarbeitung zutreffend schreibt. Diese Kraft ist nun erloschen.

Gerda Weber ist am vergangenen Samstag im Pflegeheim, wo sie von einer Freundin mit großer Selbstlosigkeit betreut wurde, gestorben. Sie war stets der Stadt Mannheim und der Sozialdemokratie, die ihr Heimat geworden waren, aufs Herzlichste verbunden.

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