Mannheim

Marchivum NS-Dokumentationszentrum stellt Buch und Film über zwei Mannheimer im KZ Auschwitz vor

Treffen zwischen Täter und Opfer

Zwei Mannheimer im KZ – er Täter, sie Opfer: Darum geht es bei zwei Veranstaltungen am heutigen Freitag und am Sonntag. Da stellt das Marchivum ein Buch und einen Film dazu vor. Es ist die erste große Veranstaltung des Marchivum in seiner neuen Rolle als NS-Dokumentationszentrum, auch wenn die Ausstellung dazu im Ochsenpferchbunker erst 2019 eröffnet werden wird.

Beide kennen sich aus ihrer Jugend in Mannheim und treffen 1942 im Konzentrationslager Auschwitz wieder aufeinander, auf gegensätzlichen Seiten: Sophie Stippel ist als Zeugin Jehovas inhaftiert, Rudolf Höß, der am Karl-Friedrich-Gymnasium Abitur machte, ist 1940 bis 1943 der Kommandant dieses Todeslagers. Höß, der sich nach dem Krieg eine neue Identität verschafft, wird erkannt, festgenommen, als Kriegsverbrecher 1947 zum Tode durch den Strang verurteilt und am Ort des Lagers hingerichtet. Bis dahin schreibt er in der Haft autobiografische Aufzeichnungen, äußert sich auch zur Opferzahl, streitet aber eigene Schuld ab. Er habe nur auf Befehl gehandelt, so Höß.

Forscher geben Einblick

Wilhelm Kreutz, seit 2014 Professor für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Institut der Universität Mannheim, sowie Karen Strobel, seit 2005 Mitarbeiterin im Marchivum und zuständig für das NS-Dokumentationszentrum, haben sich mit ihm intensiv befasst. Schon am 27. Januar, am Internationalen Gedenktag zur Befreiung von Auschwitz, gaben sie einen Einblick in ihre Forschungen. Nun stellen sie das Ergebnis ausführlich vor.

Ihr Buch „Der Kommandant und die Bibelforscherin – Zwei Wege nach Auschwitz“ deckt auf, wie sehr die Autobiographie, die Höß 1946 in seiner Todeszelle schrieb, in vielen Teilen bewusst gefälscht wurde. Besonders deutlich wird dies durch die parallel erzählte, dramatische Lebensgeschichte der aus Mannheim stammenden Zeugin Jehovas Sophie Stippel, die als KZ-Gefangene im Haushalt von Höß arbeiten musste. Durch rund 200 bislang teils unveröffentlichte Abbildungen werden beide Lebenswege miteinander verwoben. Das Buch wird heute um 18 Uhr im Marchivum vorgestellt.

Darauf folgt am Sonntag, 15. April im Atlantis-Kino, K 2, 32 um 17 Uhr die Filmpremiere „Die Köchin des Kommandanten“. Der Dokumentarfilm von Karen Strobel sowie der Mannheimer Filmemacherin, Fotografin und Künstlerin Christina Stihler erzählt die beiden Lebenswege von Rudolf Höß und Sophie Stippel.

Der Film begleitet den Enkel von Stippel bei der Spurensuche. Aktuelle Aufnahmen werden durch umfangreiches Archivmaterial ergänzt, namhafte Experten ordnen Persönlichkeitsmerkmale und historische Geschehnisse ein. Die Rekonstruktion der Lebenswege beider Protagonisten eröffnet einen ungewohnten Zugang in Alltag und Strukturen des NS-Regimes auf der Täter- wie der Opferseite.

Buch wie Film suchen auch Antworten auf die zentrale Frage, wie man heute extremistische Entwicklungen vermeiden kann. pwr