Mannheim

Gesundheit Ganzheitliches Programm „Obeldicks“ soll übergewichtigen Jungen und Mädchen helfen / Zukunft des Projekts unklar

Triathlet will Jugendliche zu mehr Bewegung motivieren

„Ich könnte eigentlich immer essen, vor allem Süßes“, erzählt Marius. Der übergewichtige 16-Jährige hat sich vorgenommen abzunehmen und weiß auch ganz genau, was dazu nötig ist: „Ich muss meine Gesamtkalorienzahl verringern, mich viel bewegen. Aber das fällt mir schwer.“ Mit Hilfe des zwölfmonatigen Programms „Obeldicks“ versucht der Jugendliche nicht nur Pfunde, sondern auch seine um Leckereien kreisenden Gedanken loszuwerden und dabei Spaß an Bewegung zu finden.

Seit 14 Jahren betreut der inzwischen pensionierte Kinder-und Jugendarzt Ulrich Schaefer das 1999 von der Kinderklinik Datteln entwickelte Schulungsprogramm, das er bei einer Fortbildungsveranstaltung kennengelernt hat. Der promovierte Fachmediziner und „grüne“ Gesundheitspolitiker erzählt, dass er in den beiden ersten Jahrzehnten seiner beruflichen Laufbahn – diese begann 1976 in der Mannheimer Kinderklinik – nie auf den Gedanken gekommen wäre, dass in seinem Metier Übergewicht zur medizinischen Herausforderung werden könnte. „Inzwischen ist jedes fünftes Schulkind übergewichtig, der Anteil krankhaft dicker und damit adipöser Mädchen und Jungen liegt bei sechs Prozent“, benennt Schaefer die Dimension.

An dem Programm überzeugt ihn der ganzheitliche Ansatz: schrittweises Verändern von Alltagsgewohnheiten statt „Wunderdiäten“. Es mag etwas schräg vorkommen, dass ihn ausgerechnet der für üppigen Wildschweinverzehr berühmte Obelix aus dem gallischen Dorf als Namensgeber inspiriert hat. Aber die Comicfigur mit dem riesigen Bauchumfang ist nicht nur beleibt, sondern auch beliebt, ist nicht nur stämmig in der Figur, sondern auch stimmig im Charakter – und passt deshalb zu einem Konzept, das Selbstbewusstsein und Stärke fördern möchte.

Auch Eltern müssen mitmachen

Als Sozialarbeiter, Sportausbilder und Triathlet weiß Gerhard Reichelt, wie wichtig es ist, Spaß an Bewegung zu entwickeln. Wenn er (der schon beim legendären Ironman-Wettbewerb auf Hawaii mitgemacht hat) auf der Anlage des TSV 1846 Mannheim übergewichtige Schüler trainiert, versucht er diese zu motivieren, sich und dem Körper etwas zuzutrauen. Auch wenn der sympathische Triathlet keinen Ausdauersport vermittelt, so geht es in der Gruppe gleichwohl darum, nicht aufzugeben, Gewohnheiten auszutricksen. Und wenn ein „Obeldicks“-Team beim „Soprema Neckar Run“ startet, beflügeln Erfolgsgefühle.

Das Schulungsprogramm hat zwar übergewichtige Kinder als Zielgruppe, „aber ohne die Unterstützung von Eltern geht nichts“, kommentiert Schaefer. Deshalb müssen Mamas und Papas Termine für Familiensport, einen Elternkurs und Gesprächskreise belegen und auch Hausaufgaben absolvieren: beispielsweise dokumentieren, was der Sprössling über einen Tag verteilt isst und trinkt.

Junge Kursteilnehmer lernen, mit der Lebensmittel-Ampel umzugehen, ihr Verhalten beim Essen zu beobachten und herauszufinden, ob man so schnell wie die Feuerwehr oder langsam wie eine Schnecke kaut. Bei den Kochkursen können auch ehemalige „Obeldicks“-Teilnehmer mitmachen. Ernährungsberaterin und Heilpraktikerin für Psychotherapie, Angelika Fritsch-Marko, betreut Familien wie Kinder.

Das nun 20 Jahre alte „Obeldicks“-Programm findet überall dort große Resonanz, wo ein Krankenhaus oder Adipositaszentrum als Veranstalter fungiert. Seit Jahren bemüht sich Ulrich Schaefer, sein Herzensprojekt in andere Hände zu überführen – bislang vergeblich. Die Idee, „Obeldicks“ via Stiftung an Schulen anzudocken, scheiterte an Finanzen. Horst Schroten, Chef der Kinder- und Jugendklinik an der Universitätsmedizin Mannheim (UMM), ist zwar fachlich großer Befürworter des ganzheitlichen Konzepts, sieht aber derzeit keine Möglichkeit, „Obeldicks“ unter die Fittiche des UMM-Kinderzentrums zu nehmen. Als Klinikchef, der täglich erlebt, welche chronischen Krankheiten von Übergewicht im Kindesalter befördert werden, betont er, daran interessiert zu sein, dass „Obeldicks“ in der Region erhalten bleibt.

„Wir sind inzwischen die Einzigen im Rhein-Neckar-Raum, die kontinuierlich eine ganzheitliche Schulung für übergewichtige Kinder anbieten“, schildert Schaefer die Situation und berichtet: „Inzwischen gibt es sogar Anfragen von der Uni-Kinderkinderklinik Heidelberg, die uns krankhaft dicke Kinder schicken möchten.“ Und trotzdem fürchtet Schaefer ums Überleben von „Obeldicks“ – „weil einfach zu wenige niedergelassene Kollegen auf das Programm hinweisen. Dabei übernehmen fast alle Krankenkassen die Kurskosten.“

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