Mannheim

Jüdische Gemeinde Zeitzeugen berichten Schülern von der Verfolgung der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus / „Die hatten ja gar keine Kindheit!“

Überleben in einem winzigen Eck

Archivartikel

Diese Stille. Aviva Goldschmidt brauchte sie, um zu überleben. Doch als sie davon erzählt, ist es wieder ganz still. Regungslos, gebannt, ganz ohne Getuschel und Geraschel, hören die Zehntklässler des Johann-Sebastian-Bach-Gymnasiums in einem Raum des Jüdischen Gemeindezentrums zu, wie die 81-Jährige es geschafft hat, in Verstecken die Zeit des Nationalsozialismus zu überleben. Insgesamt schildern sechs Juden bei dem Erzähltag „. . . dass man uns nicht vergisst“ 180 Schülern ihre bewegenden Schicksale.

„Ich traue es mir zu“, sagt anfangs Yvonne Friedman – und gesteht am Ende doch, dass es schwer für sie war, dass Tränen geflossen sind. Nicht alle, die sich den Schülern stellen, haben selbst die Zeit des Naziterrors erlebt – einige sind auch aus der Kinder- oder Enkelgeneration. „Wir hätten noch einige Gemeindemitglieder, die ihre eigene Geschichte erzählen könnten – aber sie wollen nicht, weil sie Angst haben, dass sie nicht schlafen können, dass alles wieder hochkommt“, erklärt Amnon Seelig, der Kantor der Gemeinde, der die Gespräche initiiert hat.

Ständige Angst

„Es ist wichtig, so etwas zu machen, dass nie vergessen wird, was passiert ist“, betont Rita Althausen, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde. Aviva Goldschmidt macht genau deshalb bei dem Projekt mit: „Ich mache es, solange ich kann, und hoffe, dass es etwas bewirkt!“

So sitzt sie nun vor den in Kleingruppen aufgeteilten Schülern, hier der Klasse 10 c des Bach-Gymnasiums, und erzählt aus Boryslaw, damals polnisch, heute zur Ukraine gehörend. Drei Jahre ist sie alt, als deutsche Soldaten einmarschieren. „Man hörte, dass sie ganz, ganz schlimme Sachen mit Juden machten, auch wenn man keine Einzelheiten wusste“, so Goldschmidt. Aber an die Angst der Eltern, an ihre Angst, kann sie sich noch genau erinnern. Alle Juden müssen ihre Häuser räumen, sich auf dem Marktplatz sammeln. Der Vater und der 16-jährige Bruder bekommen die Armbinde „A“ – arbeitsfähig. Sie werden abkommandiert. Alte Menschen, Frauen, Kinder „kamen in Lastwagen weg“, so formuliert es Goldschmidt. Ihre Mutter aber packt sie, damals drei Jahre alt, steckt sie in einen Wäschekorb, rennt mit ihr davon. „Ich habe geweint, es war sehr bedrohlich“, weiß die 81-Jährige noch.

Zunächst kommen sie bei einer früheren Mitarbeiterin unter. Die stellt einen Kleiderschrank so ins Zimmer, dass dahinter ein kleines Eck ist. „Wir konnten hier nur sitzen oder stehen, nicht liegen, über Wochen uns nicht bewegen. Das Essen bekamen wir unter dem Schrank durchgereicht. Meine Mutter hat mir eingebläut, ganz leise zu sein, nur zu flüstern, nie zu schreien, zu weinen, zu lachen“, erzählt sie.

Als die Nachbarn etwas merken, versteckt sie ein Mann gegen Geld. „Unter einer Treppe haben wir gehaust. Das Geräusch, wenn Leute die Stufen entlanglaufen, vergesse ich nie“, so Goldschmidt. Weiter geht es in einen Bunker unter der Erde, wo aber Hunde der SS die Juden aufspüren. Die letzte Station sind Rohre für die Kanalisation, in die sich Mutter und Tochter zwängen – bis die Rote Armee vordringt. Tatsächlich schaffen es sie und ihre Mutter, zu überleben. Doch der Bruder wird auf der Flucht erschossen, der Vater stirbt unter bis heute nicht geklärten Umständen bei der Zwangsarbeit.

„Die haben in ständiger Angst gelebt, das kann man sich gar nicht vorstellen“, sagt Schülerin Lena Schwabenland (15) danach. Die gleichaltrige Johanna Kloster bewundert „den großen Mut der Mutter, ihre Tochter zu retten“. „Wenn man das mit uns vergleicht – die hatte ja gar keine Kindheit“, wundert sich Hannah Horneff, ebenfalls 15, danach. Und alle sind sich einig: „Beeindruckend“ sei das gewesen, was Goldschmidt erzählt habe. Für Lehrerin Sarah Acker hat sich das Projekt in jedem Fall gelohnt. „Solange es Zeitzeugen gibt, muss man das nutzen!“, findet sie. Die Erzählungen seien indes „sehr intensiv“ gewesen. „Wir müssen das sicher noch mal aufgreifen und nachbereiten“, hat sie sich vorgenommen.

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