Mannheim

Unersetzlicher Wert

Was nichts kostet, ist nichts wert“, heißt eine Redensart. Und tatsächlich beeinflusst in fast allen Lebensbereichen der Geldwert unsere Vorstellung davon, ob wir etwas als wertvoll ansehen. Das geht so weit, dass zum Beispiel Veranstaltungen, die kein Geld kosten, recht schnell unter dem Verdacht stehen, billig oder unprofessionell zu sein. Welchen Wert hat eine Tätigkeit, wenn es dafür kein Geld gibt? In Süddeutschland und Österreich ist es üblich „Vergelt’s Gott“ statt Danke zu sagen. Im Volksglauben war (oder ist) man demnach der Überzeugung, dass Gott nach dem Tod die guten Taten bezahlt, beispielsweise dass der rechtschaffende und fromme Mensch in den Himmel kommt. Aber welchen Wert hat eine Tätigkeit, wenn auch kein „himmlischer Lohn“ ausbezahlt wird?

Unentgeltliche Tätigkeiten scheinen sehr wichtig für viele Deutsche zu sein. Die vierte Freiwilligenumfrage des Bundesfamilienministeriums von 2014 zeigt, dass sich mehr als 43 Prozent der Deutschen ab 14 Jahren freiwillig und unentgeltlich engagieren und mehr als die Hälfte der Nicht-Engagierten mit dem Gedanken spielt, sich ehrenamtlich einzubringen. Ein steigender Trend: 1999 waren nur rund ein Drittel ehrenamtlich tätig und ein weiteres Drittel bereit dazu.

Viele Katholiken in der Metropolregion Rhein-Neckar und in der gesamten Erzdiözese Freiburg setzen sich derzeit viel mit der Frage des Ehrenamts auseinander. Besonders mit Blick auf März 2020, in dem Pfarrgemeinderatswahlen anstehen. Unter dem Motto „Wie sieht’s aus?“ werden Menschen gesucht, die bereit sind, ihre Zeit, Gedanken und Arbeitskraft ehrenamtlich zur Verfügung zu stellen.

Viele unterschiedliche Gründe

Aber was motiviert Menschen zum freiwilligen und unentgeltlichen Dienst an anderen Menschen? Schließlich ist Zeit kostbar, manchmal entspricht der Aufwand nicht dem Resultat, auch kann das Engagement ausgenutzt werden. Die Gründe dafür, sich ehrenamtlich zu engagieren, können ganz unterschiedlich sein. Ganz allgemein könnte es eine Triebfeder sein, anderen Menschen etwas mitzugeben, was jemand selbst erfahren hat. Sei es aus einer Krise, beispielsweise die Tätigkeit in der Hospizhilfe nach der unmittelbaren Erfahrung der eigenen Sterblichkeit. Es kann die Liebe zu Musik, Politik oder Sport sein, die Menschen motiviert, sie zu teilen. Hier wird deutlich, dass unsere ökonomisch geprägte Vorstellung, mit Geld einen bestimmten Wert oder eine Wertigkeit messen zu können, etwas anderes verdeckt.

Die jüdisch-christliche Tradition hat eine Vision dafür: Wenn alle Menschen sich füreinander einsetzen, dann ist die Gottesherrschaft auf der Erde angekommen. Die wird in verschiedenen Bildern beschrieben. Beispielsweise gehen alle Völker in einer großen Wallfahrt zum Berg Zion, dem Ort der Gottesbegegnung. Es kommt zu einer festlichen Versammlung im himmlischen Jerusalem. Diese Vision auf ehrenamtliche Tätigkeiten bezogen, gibt dem freiwilligen Einsatz noch eine tiefere Dimension. Das Engagement humanisiert unsere Gesellschaft – etwas, das Gesetze nicht leisten können. Es stiftet Sinn und hebt hervor, was den Menschen eigen ist: Wertschätzung der anderen. Das ist etwas, das nicht mit Geld zu bezahlen ist, das nicht gemacht werden kann. Es ist geschenkt. Ehrenamtliches Tun ist von unersetzlichem Wert.

Raphael Brantzen, Dekanatsreferent im Katholischen Dekanat Heidelberg-Weinheim

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