Mannheim

Unschuldige Kinder

Archivartikel

Heute feiern Christen den Tag der „Unschuldigen Kinder“. Wir denken dabei an Kinder, die nach Bericht des Matthäus-Evangeliums kurz nach Jesu Geburt zu Tode kamen; als König Herodes das eine Kind töten lassen wollte, von dem er Konkurrenz in der Königswürde fürchtete. Ihr Tod war – nach heutigen Worten – ein Kollateralschaden billigend in Kauf genommen um den einen zu treffen, der dann doch entkam.

Wie oft seither kamen Kinder zu Schaden oder zu Tode ohne Schuld?! Was könnte ein Kind getan haben, das den Tod rechtfertigen würde? Wo doch auch keine Tat von Erwachsenen den Tod verdient.

2000 Jahre nach dem Kindermord in Betlehem steht es kaum besser um die Kinder der Erde: Sie sterben, weil ihr Leben nicht zu den Plänen ihrer Eltern passt, sie erhalten keine Schulbildung, arbeiten schwer, verbrennen in Fabriken, werden zu Soldaten, um selbst zu töten, Erwachsene benützen ihre Körper und verletzten ihre Seelen, sie leiden an Hunger, auf der Flucht, in Lagern, sie verbluten durch Bomben auf Wohngebiete und Krankenhäuser, auf verminten Feldern. Unschuldige Kinder in allen Erdteilen.

Der Kontrast dieses Tages zu Weihnachten, dem Fest, an dem vermeintlich die Kinder im Mittelpunkt stehen, könnte nicht schreiender sein. Kinder sind immer unschuldig. Ob wir es auch sind, ist nicht so sicher. Zu komplex sind die Verflechtungen unseres Lebens mit dem der Menschen anderer Erdteile. Zu sehr zehrt unsere Lebensweise Notwendiges in anderen Kontinenten auf. Zu große Teile unserer Wirtschaft sind an der Herstellung von Waffen beteiligt, die Tod bringen. Zu leicht lassen wir uns überzeugen, dass sich diese Zusammenhänge nicht ohne große Einschnitte in unser gutes Leben ändern können.

Unbequeme Veränderungen

Seit dem Herbst 2018 streiken Kinder und Jugendliche, um darauf aufmerksam zu machen, dass die Lebensmöglichkeiten auf der Erde bedroht sind, wenn alles bleibt wie es ist. Zunächst belächelt erreichen die jungen Leute inzwischen Respekt und erhalten Antworten auch von den Verantwortlichen, zu denen wir Kinder wohl kaum als Unterhändler geschickt hätten. Wissenschaftler und politisch Verantwortliche unterstützen inzwischen das Anliegen und können es sich nicht mehr leisten, die Fakten, auf die die Jungen aufmerksam machen, zu bestreiten. Wer hätte das gedacht, als ein einziges Mädchen sich im Sommer 2018 streikend vor das schwedische Parlament setzte?

Die Angst der heutigen unschuldigen Kinder rückt näher. Es sind unsere Kinder und Enkel. Lauter wird die Frage: was habe ich damit zu tun? Kann ich mein Leben so verändern, dass es dem Leben anderer weniger schadet? Veränderungen sind unbequem und anstrengend; ganz abgesehen davon, dass es sicher einen großen Korb unterschiedlicher, gut begründeter Ansichten darüber gibt, welches Verhalten besonders angeraten oder besonders zu vermeiden ist. Gleichgültig, welcher Spur ich dann folge: am Anfang steht die Bereitschaft, mich in die Pflicht nehmen zu lassen. Einzugestehen, dass selbst wenn ich ein eher alltägliches Leben führe, mein Verhalten nicht unbedeutend ist für die Fragen, die uns alle betreffen. Ein „frag-würdiges“ Tun in dem Sinne, dass es Fragen auslöst und ansteckt, das wäre doch was! Ob mein alltäglicher Mut dafür reicht?

Pastoralreferentin am Irene Wimmi,Diakonissenkrankenhaus Mannheim

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