Mannheim

Verbrechen im Quadrat - Folge 1: Mord an Gabriele

Archivartikel

Mannheim.Als er den Anruf entgegennimmt, rechnet Ralf Würtenberger schon damit, dass dieser Fall kein Routineeinsatz werden wird. Am Tatort unter der Kurt-Schumacherbrücke bewahrheitet sich seine Befürchtung: Vor dem Mannheimer Kripo-Beamten liegt der leblose Körper einer jungen Frau. Ihre Hose ist bis auf die Knie heruntergezogen, der eigene Schal tödlich eng um den Hals geschlungen. Bei der Leiche findet die Spurensicherung neben leerem Geldbeutel und Handyhülle einen Ausweis. Er offenbart: Das Opfer ist die 19-jährige Austauschstudentin Gabriele Z. aus Litauen.

Noch am Tatort beschleicht Würtenberger das Gefühl, dass er es hier mit einem Sexualverbrecher zu tun haben könnte. Was er in diesem Moment noch nicht ahnt: Dieser Fall wird sich nicht nur in sein Gedächtnis brennen, sondern auch in das der ganzen Stadt. Denn der Mord an der Psychologiestudentin raubt den Mannheimerinnen und Mannheimern über Nacht das Sicherheitsgefühl. Besonders Frauen wird bewusst: Es hätte auch mich treffen können. Über die Stadt hinaus verbreitet sich die Nachricht vom Tod der Studentin, Freundinnen warnen sich gegenseitig, nachts bloß nicht allein unterwegs zu sein. So wie die Litauerin, die nach der „Movie Night“ an der Uni eine Abkürzung nimmt und dafür mit ihrem Leben bezahlt.


Ein mutiges Versprechen

Wenige Stunden nach dem Fund der Leiche ordnet Würtenberger eine Obduktion an. Der Bericht aus der Gerichtsmedizin bestätigt seine Vorahnung: Nachgewiesene Spermaspuren lassen auf ein Sexualverbrechen und einen männlichen Täter schließen. Nur 24 Stunden nachdem der Kripo-Beamte den Tatort betreten hat, richtet er die Sonderkommission „Soko Caesar“ ein. Ihr Auftrag: Den Mörder so schnell wie möglich aufzuspüren. Was macht so ein brutaler Fall mit einem Ermittler, der den Mord an einem Mädchen aufklären muss, das so alt ist wie die eigene Tochter? Wer überbringt den Angehörigen die Todesnachricht? Ahnten die Verwandten schon, dass die abrupte Funkstille Vorbotin einer Tragödie sein würde?

Diese Fragen stellt „MM“-Gerichtsreporterin Angela Boll in der ersten Folge des neuen Crime-Podcasts „Verbrechen im Quadrat“. Sie selbst berichtete damals für den „Mannheimer Morgen“ über den Fall und begleitete den Prozess. Sieben Jahre danach gibt Würtenberger bislang unveröffentlichte Einblicke in die Spurensuche und die Ermittlerarbeit. Und er spricht über den Zwiespalt von Betroffenheit und Professionalität, der ihn dabei begleitet hat. „Dass in meiner Heimatstadt so etwas passiert, war extrem schlimm. Für mich, für die Kollegen, für alle Mannheimer. Den Druck von Außen habe ich nicht gebraucht, ich hab ihn mir selbst gemacht“, erinnert sich Würtenberger.

Der heute 61-Jährige und seine Kollegen sind von Anfang an fest entschlossen, alles Menschenmögliche zu tun, um den Täter zu fassen - Versagen ausgeschlossen. Die Fahnder schwärmen aus, verfolgen jede Spur: an der Uni, im Park, in der Trinker und Drogenszene, bei Anwohnern. Und sie richten ein Hinweistelefon ein.

Mit Hilfe von Opferanwältin Sabrina Hausen und dem Weißen Ring reist die Mutter von Gabriele nach Mannheim. Im Podcast berichtet Hausen, wie sie die Mutter in dieser Zeit begleitet und später vor Gericht vertritt. Hausen ist dabei, als die von Trauer gezeichnete Frau auf den Soko-Leiter trifft. Der gibt ihr ein mutiges Versprechen: Wir werden den Mörder ihrer Tochter finden. Was er verschweigt: Die Spurenlage ist zu diesem Zeitpunkt noch extrem dünn. „Aber wir hatten die besten Ermittler, viele haben sich sogar freiwillig gemeldet“, begründet Würtenberger sein Versprechen. Tatsächlich wird er recht behalten: Zwei Wochen nach dem Mord übermittelt das LKA am 17. Oktober einen Treffer in der Datenbank mit DNA-Spuren eines anderen Tatorts. Zwei Monate zuvor hatte derselbe Mann nachts eine Frau in Speyer brutal niedergeschlagen.

Was das Opfer von ihrer Begegnung mit dem Mörder berichtet, schockt die Ermittler erneut: Ein schlanker, durchtrainierter Osteuropäer kommt ihr im Park entgegen - und greift plötzlich an. „Ich hatte das Gefühl, er wollte mich nicht ausrauben, sondern einfach nur töten“, zitiert Würtenberger die Speyrerin, die sich losreißen kann und überlebt.

Begegnung mit einem Mörder

Weil das Verhalten exakt auf den rekonstruierten Tatverlauf passt, wähnt sich der Soko-Leiter schon am Ziel. Tatsächlich aber wird er auf weitere Opfer stoßen, den Falschen verdächtigen und das Mosaik eines Täters zusammensetzen, der extrem gefährlich, brutal und bereit ist, wieder zu töten. Am Ende gelingt es, den Mörder zu überführen - anhand einer von vielen technischen Überwachungen.

Ein Jahr später steht Emil S. als Hauptverdächtiger vor Gericht. Hier erlebt Redakteurin Boll den Schmerz der Mutter und die Gefühllosigkeit des Angeklagten. Mit im Saal ist auch Anwältin Hausen, die stellvertretend für die Angehörigen Emil S. hinter Gitter bringen will. Nur einer ist nicht mehr dabei: Ralf Würtenberger. Für ihn bleibt der Mord an Gabriele Z., die er als zarte und wissbegierige 19-Jährige beschreibt, ein besonderer Fall. Bis heute ist er überzeugt: „Irgendwann hätten wir den Täter bekommen. Schließlich waren wir das als Mannheimer Polizei den Bürgern schuldig.“

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