Mannheim

Gesundheit In Mannheim hat sich das Osteoporose-Netzwerk Rhein-Neckar gegründet / Bewusstsein soll geschärft werden

Vermeidbare Knochenbrüche

Das menschliche Skelett erneuert sich alle sechs bis sieben Jahre komplett: Davon nehmen wir allerdings nichts wahr. Unbemerkt bleibt aber auch, wenn die Dynamik des stetigen Aufbauens, Abbauens wie Umbauens von Knochensubstanz aus der Balance gerät, dadurch Masse wie Festigkeit abnehmen – was Knochenbrüchen Vorschub leistet. Weil diese chronisch verlaufende Stoffwechselerkrankung oftmals spät bis gar nicht erkannt und deshalb auch nicht behandelt wird, haben 15 niedergelassene Mediziner sowie Chefärzte der Kliniken Theresien und Diakonissen das Osteoporose-Netzwerk Rhein-Neckar gegründet.

Studien offenbaren: Mehr als jeder zweite Patient, der sich aufgrund von Knochenschwund – so heißt Osteoporose im Volksmund – das Handgelenk, Oberarm, Wirbelkörper oder die Hüfte bricht, erleidet im Laufe seines Lebens einen weiteren Knochenbruch – davon jeder Fünfte noch innerhalb eines Jahres. „Dabei geht man davon aus, dass 50 bis 70 Prozent solch folgender Frakturen vermeidbar wären, wenn eine umfassende Osteoporosebehandlung kombiniert mit Sturzprävention umgesetzt würde“, erklärt Dieter Schöffel, Facharzt für Innere Medizin und Osteologe. Sein Kollege Berthold Fohr, ebenfalls auf Knochenschwund spezialisiert, verweist darauf, dass in anderen Ländern Initiativen mit dem Motto „Make the first fracture the last“ – also: „Sorge dafür, dass die erste Fraktur die letzte bleibt“ – gut dokumentierte Vermeidungserfolge vorweisen können. Das Vorbeugekonzept, das bereits in Hamburg, Dortmund, Köln und München etabliert ist, will das Osteoporose-Netzwerk Rhein-Neckar übernehmen und organisatorisch für die Region maßschneidern.

Gezielte Therapie

Dass in Osteologie weitergebildete niedergelassene Ärzte vor allem mit operierenden Klinikkollegen zusammenarbeiten, kommt nicht von ungefähr: Schließlich werden Menschen, die sich etwas gebrochen haben, im Krankenhaus chirurgisch versorgt. Ob eine poröse Knochensubstanz Schuld daran ist, wenn harmloses Hinfallen oder nur ein Stolpern zu einem folgenschweren Bruch geführt hat, wird in Hospitälern selten hinterfragt.

Das soll sich an den beiden Kooperationskliniken ändern: Bei Verdacht auf Osteoporose informieren die Ärzte an Theresien- und Diakonissenkrankenhaus über Möglichkeiten einer gezielten Diagnostik sowie Therapie. Noch während des stationären Aufenthaltes kann sich ein Patient für eine unmittelbare Weiterbehandlung bei einem spezialisierten niedergelassenen Arzt entscheiden – und bekommt noch im Krankenhaus einen Termin vermittelt. Außerdem soll der Entlassbrief umgehend an die ausgewählte Praxis gegeben werden.

Das Netzwerk will erreichen, dass bei Patienten mit Knochenbrüchen mögliche Grunderkrankungen nicht aus dem Blick geraten. „Wir Chirurgen wollen dafür unser Bewusstsein schärfen“, betonen Oliver Dietrich, Orthopädische Chefarzt vom Theresien, und Unfallchirurgie-Leiter Gerald Zimmermann. Dass bei älteren Menschen ein Knochenbruch oftmals massiv das Alltagsleben verändert, ja die Selbstständigkeit gefährdet, wissen Matthias Schuler und Hennig Röhl, Chefärzte vom Zentrum für Alterstraumatologie am Diakonissen , nur zu gut. Deshalb sehen auch sie als „medizinische Herausforderung“, Risiken für Folgebrüche zu minimieren. Das Credo der Netzwerkgründer lautet: Das Problem Osteoporose dürfe zwischen chirurgischer Behandlung im Hospital und ambulanter Betreuung beim Arzt „nicht verlorengehen“.