Mannheim

Kultur Am Sonntag ist erstmals „Europäischer Tag der Restaurierung“ – die Mannheimerin Gisela Gulbins hat sich in ihrem Berufsverband dafür engagiert

Viel mehr als nur Scherben kleben

Sind das nicht die Leute, die alte Scherben zusammenfügen und historische Dinge abstauben? Genau gegen dieses Vorurteil wollen sie ankämpfen, ihr Berufsbild bekannter machen. Erstmals gibt es daher am Sonntag den „Europäischen Tag der Restaurierung“. Gisela Gulbins, Restauratorin der Reiss-Engelhorn-Museen und Mitglied im Präsidium des Verbands der Restauratoren, hat ihn mit initiiert und koordiniert.

„Wir haben einfach das Problem, dass wir hinter den Kulissen arbeiten und niemand uns so richtig wahrnimmt“, bedauert die 44-Jährige. Sie findet, dass ihr Berufsbild viel mehr Aufmerksamkeit verdient hat. „Wir sind es, die Kulturgut erhalten – und wenn Menschen ihre Kultur nicht erhalten, dann geht es ihnen auf Dauer nicht gut“, gibt sie zu bedenken. Aus immerhin 300 Veranstaltungsangeboten dazu kann man am Sonntag bundesweit auswählen – auch in vier Mannheimer Kultureinrichtungen. Sie hofft nun, „dass ein Tag, an dem wir überall gebündelt auf uns aufmerksam machen, die Bedeutung unserer Arbeit deutlicher macht“, so Gulbins.

Dabei gibt es ein Problem: „Jeder kann sich Restaurator nennen, das Berufsbild ist nicht geschützt“, kritisiert sie. Von der Politik verlangt ihr Verband daher, den Titel zu schützen, ihn gegen Handwerker abzugrenzen und Qualitätsstandards zu definieren. „Nicht jeder, der Möbel repariert und etwas zusammenklebt, ist ein Restaurator“, warnt sie. „Man muss die Zusammensetzung von Stoffen analysieren, also Kenntnisse in Chemie haben, aber auch Hintergrundwissen in Kunstgeschichte“, betont Gulbins.

Langwierige Ausbildung

Acht Universitäten bieten in Deutschland derzeit entsprechende Studiengänge an, zudem vereinzelt Fachhochschulen. „Aber man muss bis zum Master machen, mit dem Bachelor ist man einfach nicht fertig und weiß zu wenig“, so die Restauratorin. Aufnahmevoraussetzung ist meist ein einjähriges Vorpraktikum.

Sie hat sogar ein dreijähriges Vorpraktikum absolviert – überwiegend am Historischen Museum der Pfalz in Speyer. Dann studierte Gulbins die Restaurierung von archäologischen, ethnologischen und kunsthandwerklichen Objekten an der Kunstakademie Stuttgart, um nach dem Diplom 2001 ein zweijähriges Volontariat an den Reiss-Engelhorn-Museen anzuschließen. „Sieben Jahre Ausbildung . . . “, seufzt sie. Nun ist sie eine von acht Restauratorinnen der Reiss-Engelhorn-Museen, wobei sich die Mutter von zwei Kindern eine Stelle mit einer Kollegin teilt. Spezialisiert hat sie sich auf Kunsthandwerk, besonders Glas, Porzellan, Silber, Elfenbein. „Eine spannendere Arbeit kann ich mir nicht vorstellen“, schwärmt sie. Schon in der Schule habe sie sich für Kunst interessiert, „aber ich wollte nicht nur in Büchern wühlen, sondern auch etwas Handwerkliches machen“, so Gulbins. Da sei Restaurierung „die ideale Kombination“.

Inzwischen kann sie sich aber kaum noch einem einzelnen Objekt lange widmen. Ihre Hauptaufgabe beschreibt sie mit „Sammlungspflege“, was etwa regelmäßige Rundgänge durch die Ausstellung, die Kontrolle von Vitrinen und Messgeräten, die Suche nach Beschädigungen oder Insektenbefall betrifft. Auch der Leihverkehr gehört dazu – also die Begutachtung eines Exponats und Protokollierung des Zustands, bevor es in einem anderen Museum ausgestellt wird, ebenso wie die Untersuchung danach. „Manchmal begleiten wir auch Dinge als Kurier“, erzählt sie.

Sie hat aber schon ein besonderes Objekt restauriert: die Sonnenmonstranz, ein von 1694 stammendes, mit Perlen besetztes Kleinod sakraler Kunst. Ihre filigranen Strahlen aus Gold und Silber umgeben – einer Sonne gleich – die Hostie. Stets an Fronleichnam wird sie in der Jesuitenkirche und bei der Prozession verwendet, „da ist sie mal umgekippt, hatte einen Knick, da habe ich sie wieder geradegebogen“, berichtet sie: „Das war aber enorm aufwendig durch all die Perlen, mit denen sie verziert ist!“

Ungelöstes Rätsel

Ihre „absoluten Lieblingsobjekte“ sind die Wachsbossierungen – kleine, sehr sorgfältig gearbeitete Miniporträts Mannheimer Bürger aus Wachs aus dem 19. Jahrhundert. „Sehr spannend“ sei zudem gewesen, das Zeughaus im Vorfeld der 2007 abgeschlossenen Generalsanierung vom Speicher bis zum Keller auszuräumen. „Da haben wir viel entdeckt, von römischen Sandalen bis zur Schreibmaschine“, und manches Exponat habe eigentlich als Kriegsverlust gegolten.

Sie stieß damals auch auf einen Gegenstand aus weichem Stein, „schön gearbeitet, mit Griff wie ein Siegel oder ein Stempel, laut Karteikarte im Rhein gefunden“, erzählt sie. Doch was es ist, wozu es diente, von wann es stammt, „das ist für uns heute noch ein Rätsel“.