Mannheim

Vom Konflikt zum Dialog

Den Konflikt nicht zu scheuen, manchmal den Konflikt gerade auch zu suchen – das ist gut jesuanisch und, nimmt man das Magnifikat, das große Loblied der Maria, wirklich ernst, auch marianisch. Wenn in der vergangenen Woche Frauen in der katholischen Kirche unter dem Titel Maria 2.0 dazu aufgerufen haben, traditionelle Strukturen in der katholischen Kirche zu überdenken, und das vom Vorsitzenden der Frauenkommission der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Franz-Josef Bode aus Osnabrück, mit den Worten „Ich finde die Aktion gut, um ein Zeichen zu setzen für mehr Beteiligung von Frauen in der katholischen Kirche“ unterstützt wird – dann ist das ein Zeichen.

Überschrieben ist die Aktion mit „Maria 2.0 – Maria reloaded“. Wie bei einem Computersystem wird nicht alles über Bord geworfen oder das Rad neu erfunden. Vielmehr wird das bewährte System auf den Prüfstand gestellt und dort verändert, im besten Fall verbessert, wo möglich und nötig.

Die Mutter Jesu

Gemeint ist mit dem Namen Maria, die Mutter Jesu – ein Vorbild für Frauen über Generationen. Die biblische Maria scheint auf den ersten Blick dabei klar beschrieben: die Magd des Herrn. Macht man sich aber die Mühe, nur ein wenig weiter im Text des Lukasevangeliums zu lesen – heute immerhin fast 2000 Jahre alt – findet man plötzlich ein ganz anderes Bild: Im Magnifikat interpretiert sie ihren Glauben an den Gott ihrer Väter revolutionär. Er ist ein Gott, der alte Strukturen nicht nur infrage stellt, sondern gehörig in den Grundfesten erschüttert. Sie preist Gott als den, der sich der Kleinen und Schwachen annimmt, der sich denen zuwendet, die sonst nicht im Blick sind. Zuwenden ist dabei viel zu schwach: Er, Gott, kehrt die alten Machtverhältnisse um, ein unerhörter Text für die Gesellschaftsstruktur damals.

Frauen fordern mehr

Dieser Gedanke ist allerdings nicht neu: Maria greift damit einen Lobpreis auf, der schon viele Jahrhunderte älter ist. Einen sehr ähnlichen Text findet man nämlich im ersten Buch Samuel. Tradition wird weitergegeben, über viele Jahrhunderte hinweg, damals wie heute. Und über viele Jahrhunderte hinweg sind damit Hoffnungen verbunden, dass Strukturen, die überkommen und offensichtlich nicht mehr als tragend erkannt werden, auf den Prüfstand gestellt werden.

Dialog und Selbstverpflichtung heißen dabei die Zauberworte. Bei der Frühjahrskonferenz im März haben sich die deutschen Bischöfe verpflichtet, den Frauenanteil im Bereich der oberen Leitungsebene von 19 auf mindestens 33 Prozent bis zum Jahr 2023 zu steigern. So weit, so gut. Offensichtlich aber noch nicht genug, wie die vielen Menschen gezeigt haben, die sich in den vergangenen Tagen vor und in Kirchen versammelt haben, um den Dialog anzukurbeln.

Damit steht die Initiative in einer langen kirchengeschichtlichen Tradition: Schon Kirchenlehrerinnen wie Hildegard von Bingen oder Klara von Assisi haben in ihrer Zeit den Dialog gesucht – und gefunden. Es sind Menschen, denen die Kirche, der Glaube, nicht egal ist. Die nicht den leisen oder lauten Auszug gewählt haben. Sie sind engagiert, damals wie heute. Sie tragen mit ihrem Einsatz die Kirche mit allen Facetten ihrer Aufgaben. Die Geschichte wird es zeigen, ob dieser Aufbruch zum erhofften Dialog führen wird.

Inge Reimann,

Katholische Schuldekanin

Mannheim