Mannheim

Von einem anderen Stern?

Archivartikel

Vielerorts gibt es die Sternsinger, auch in Mannheim: Kinder, die in orientalisch anmutenden Gewändern an die sprichwörtlichen Heiligen Drei Könige erinnern und ihr offensichtlich aufgebrauchtes Gold, ihren Weihrauch – davon musste man in den Weihnachtsgottesdiensten husten – und ihre Myrrhe – da weiß man schon gar nicht, wie man das schreibt – durch Spenden für einen guten Zweck auffrischen. Eine gute Sache!

Ideell geht die Aktion auf jene Begebenheit zurück, die das Matthäus-Evangelium im Zusammenhang mit der Geburt Jesu Christi erzählt (Mt 2,1-12). Es sind persische Gestirnspriester – „Magoi“, wie es im Griechischen heißt –, die dort literarisch auftreten und etliche Krippendarstellungen schmücken. Von Dreien oder gar Königen ist zwar nicht die Rede, doch bündelt sich hier Tiefsinniges: Die Zahl drei steht sowohl für die drei Lebensalter des Menschen als auch für die drei damals bekannten Erdteile Europa, Asien und Afrika – deswegen taucht in der Erzählung die wenig politisch korrekte Bezeichnung Mohr auf. „Könige“ genannt werden sie wegen einer Anspielung auf Psalm 72, und spätestens seit Friedrich Barbarossa als religiöses Legitimitätsmotiv für die Herrschaft der deutschen Könige verwendet, wie sie durch Erzbischof Rainald von Dassel im Dreikönigsschrein des Kölner Domes manifestiert ist. Dass die dort verehrten Reliquien aus Mailand gestohlen wurden, ist längst unter den Teppich geschichtlichen Vergessens gekehrt. Auch die Geschenke der Morgenländer sind tiefsinnig ausgedeutet worden: Gold für den Herrscher aller Mächte und Gewalten, Weihrauch für den wahren Gott in unserem sterblichen Fleisch und die bittere Myrrhe als Hinweis auf den bitteren Karfreitag.

Von Kosmos und Chaos

Zurück zu den Gestirnspriestern, die dem sprichwörtlichen Stern von Bethlehem folgen: Um zu entschlüsseln, was mit diesem Bild gemeint ist, braucht es keinen Blick auf etwaige Sternenkonstellationen rund um den Beginn unserer Zeitrechnung. Vielmehr geht es um einen theologischen Stern. In der Antike gehörte es zum kulturellen Wissen, dass seit den Zeiten der Sumerer und Babylonier im Osten die Wiege der Astronomie lag, die mit dem Kalender eine sichere Ordnung im Fluss der Zeit garantierte. Verlässliche Ordnung – „Kosmos“ wie die Griechen sagten – und „Chaos“ eben. Dieser theologische Stern lässt sich nun gerade nicht berechnen, er sprengt die starre Ordnung, so dass die persischen Experten alt aussehen und Flexibilität lernen mussten – als Ausdruck eines Gottes, dessen Domäne nicht das Festgelegte, sondern das Neue ist.

Wenn das schon Programm der Gottesahnung seit Abraham ist – und somit Judentum, Christentum und Islam einbegreift –, wieso sollte es nicht auch Maxime meiner römisch-katholischen Kirche sein (für meine evangelischen Glaubensgeschwister bin ich nicht zuständig)? Schwungvolle Reform auf der Höhe unserer Zeit statt Beharren auf so vielem, dessen Verfallsdatum längst überschritten ist – sonst sehen wir nicht nur alt aus, sondern bestärken den Verdacht, der christliche Glaube sei von einem anderen Stern. Zum Schluss ein Bonmot, das der Weisheit der Heiligen Drei Könige entspräche: „Tradition ist eine Straßenlaterne. Nur der Dumme hält sich daran fest, dem Weisen leuchtet sie den Weg!“

Pfarrer Oliver Wintzek,

Kooperator in der

katholischen Seelsorgeeinheit

Johannes XXIII.

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