Mannheim

Arbeiterwohlfahrt Historischer Blick auf neun Jahrzehnte und die Meilensteine der Mannheimer Organisation

Von Nazis zerschlagen – im Untergrund weitergemacht

Archivartikel

1929 gegründet, extrem gewachsen, verboten, fast bankrott – die Arbeiterwohlfahrt (Awo) in Mannheim hat in den vergangenen 90 Jahren viel erreicht – aber auch viel durchgemacht. Grund genug, um einmal etwas genauer hinzuschauen. Ein historischer Überblick.

1929

Die Awo Deutschland gibt es bereits seit zehn Jahren. In Mannheim gründen der ehemalige Bürgermeister Richard Böttger und Maria Elser die soziale Organisation. Der Gründungsgedanke von 1919 wird geprägt durch Marie Juchacz im „Hauptausschuss der SPD für Arbeiterwohlfahrt“. Juchacz, die erste Frau, die im Deutschen Parlament ans Rednerpult tritt, gilt bis heute als die Mutter der Awo. Der Leitsatz: Hilfe zur Selbsthilfe statt Almosen. „Das hat sich auch bis heute so gehalten“, sagt die Mannheimer Vorständin Angelika Weinkötz. In einem Bericht von 1979 (zum 50. Geburtstag) schreibt der „MM“: „Im Jahr der Weltwirtschaftskrise standen Deutschland und seine Industriestädte wie Mannheim vor fast unlösbaren Aufgaben.“ Arbeitslosigkeit, Hunger, Depressionen – die Awo greift ein. „Die Jahre der Not bewiesen auch eine große Bereitschaft der Arbeiterwohlfahrt, ihre humanitären Aufgaben wahrzunehmen“, heißt es damals weiter.

1933

Die Awo wird durch die Nationalsozialisten zerschlagen. Sie besetzen die Geschäftsstellen, auch in Mannheim. Sie nehmen die Bankkonten in Beschlag, enteignen Heime und Einrichtungen. Führende Persönlichkeiten werden verhaftet. Auch der Gründer der Mannheimer Awo, Richard Böttger, kommt in „Schutzhaft“. Die Awo wird verboten, gründet aber eine Tarnorganisation und hilft Verfolgten, Inhaftierten und Emigrierten im Untergrund weiter.

1945 bis 1949

Nach dem Zweiten Weltkrieg setzt sich die Awo Deutschland wieder neu zusammen. Erste Aufzeichnung aus dem Archiv des „MM“ finden sich aus dem Jahr 1946. Laut einem Artikel vom 7. September 1946 wird die Awo Mannheim ebenfalls 1945 wieder neu gegründet. Vor allem die Hilfe von Außen – durch amerikanische Organisationen – gibt der Mannheimern neue Kraft. Seitdem wächst die Awo stetig. 1949 organisiert der Verein eine Kurklinik für Großstadtkinder, betreibt Kindergärten, Kochstellen, Nähstuben, leistet Jugendgerichtshilfe und unterstützt Bedürftige.

1953 bis 1960

Die Mannheimer Awo wächst und wächst. 1953 eröffnet der Verein ein Heim für „erziehungsschwierige“ Kinder. 1959 hat die Organisation einen Jahresumsatz von 790 000 D-Mark. Einnahmen kommen etwa aus Tombolas. 1960 unterstützt der „MM“ eine solche Aktion durch die Berichterstattung. Sechs Wochen lang bietet die Awo Lose zum Verkauf an. Der Hauptgewinn: ein Auto. Eine Waschmaschine und eine „Wohnzimmer-Prämie“ von 2000 Mark sind auch im Lostopf. 420 000 Lose werden so verkauft. Damit nimmt die Awo 62 500 D-Mark ein, die sie in die Kinder- und Jugendhilfe investiert. Ebenfalls 1960 öffnet der Verein ein Arbeiter-Wohnheim.

1978 bis 1990

Es geht stetig weiter bergauf. Immer mehr Einrichtungen werden geplant und eröffnet. 1979 richtet der Verein in Mannheim erstmals einen mobilen Sozialdienst ein. Dieser soll es alten, pflegebedürftigen und behinderten Menschen ermöglichen, weiter eigenständig zu wohnen. Daneben soll er der Vereinsamung und Isolation dieser Menschen entgegenwirken. Im Jahr 1983 schreibt das damalige Monatsmagazin „Mannheim illustriert“, das Engagement der Arbeiterwohlfahrt habe sich seit 1978 verfünffacht. Der Verein hatte zu diesem Zeitpunkt 16 Einrichtungen (vorher fünf) und 250 Mitarbeiter (36). 1990 schaffte es die Awo in Mannheim auf 350 Mitarbeiter, 250 Ehrenamtliche und einem Jahres-Etat von 20 Millionen D-Mark.

1994

Die erste türkische Seniorenstätte wird von der Mannheimer Awo gegründet. Außerdem ist die hiesige Organisation Pionier beim betreuten Wohnen von Senioren. Der Modellversuch startet in der Stadt.

2003 bis heute

Die Awo steht kurz vor dem Aus. Der „MM“ titelt am 3. September 2003: „Arbeiterwohlfahrt in finanziellen Nöten.“ Laut Angelika Weinkötz standen seit der Gründung die Hilfsangebote im Mittelpunkt. Weniger beachtet blieb die Wirtschaftlichkeit. Das rächte sich. Die Arbeiterwohlfahrt in Mannheim muss lernen, umzudenken. „Nur durch die Hilfe der Mitarbeiter haben wir das geschafft“, sagt Weinkötz. Es wird ein „Notlagentarifvertrag“ geschlossen, nach dem viele Arbeitnehmer in Mannheim lange Zeit zurückstecken müssen. „Die Mitarbeiter haben das aber mit uns zusammen durchgestanden“, erklärt die Vorstandsfrau. Mittlerweile gehöre diese „dunkle Episode“ der Vergangenheit an. „Die Awo ist jetzt ein moderner Träger sozialer Dienstleistungen, ohne dabei die ursprünglich wichtige Rolle als gesellschaftlicher Akteur aufgegeben zu haben.“