Mannheim

Von Splittern und Balken

Archivartikel

Das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit – so der dänische Theologe Sören Kierkegaard. Das mag sein, aber ich glaube, wir können dem Vergleichen nicht entkommen.

Denn wir sind unterschiedlich. Wären wir – was manche ja immer wieder behaupten oder gerne hätten – wären wir also alle gleich, könnten wir uns gar nicht sinnvollerweise vergleichen.

Denn Vergleiche fördern Unterschiedlichkeiten zutage. Manchmal geht das dann so, wie es der Schriftsteller Robert Gernhard formulierte:

„IMMER

Immer einer behender als du

Du kriechst – Er geht Du gehst – Er läuft Du läufst – Er fliegt:

Einer immer noch behender.

Immer einer begabter als du

Du liest – Er lernt Du lernst – Er forscht Du forschst – Er findet:

Einer immer noch begabter.

Immer einer berühmter als du

Du stehst in der Zeitung – Er steht im Lexikon

Du stehst im Lexikon– Er steht in den Annalen

Du stehst in den Annalen – Er steht auf dem Sockel:

Einer immer noch berühmter.

Immer einer betuchter als du

Du wirst besprochen – Er wird gelesen

Du wirst gelesen – Er wird verschlungen

Du wirst geschätzt – Er wird gekauft:

Einer immer noch betuchter.

Immer einer beliebter als du

Du wirst gelobt – Er wird geliebt

Du wirst geehrt – Er wird verehrt

Dir liegt man zu Füßen – Ihn trägt man auf Händen:

Einer immer noch beliebter.

Immer einer besser als du

Du kränkelst – Er liegt danieder

Du stirbst – Er verscheidet

Du bist gerichtet – Er ist gerettet:

Einer immer noch besser, Immer, Immer, Immer“

Es scheint schwer zu sein, sich Schwächen zuzugestehen, nicht überall der Beste zu sein.

Der ehemalige Vorsitzende der KP Chinas (1943-76), Mao Tse Tung, ganz sicher nicht der sportlichste aller Chinesen, ließ sich photographieren, wie er in angeblicher Rekordzeit den Jangtsekiang durchschwamm.

Wladimir Putin gefällt es, sich mit durchtrainiertem, nackten Oberkörper durch die wilde Landschaft reitend zu präsentieren – wenn er nicht gerade bei Eiseskälte schwimmt, die größten Fische angelt oder sonstige sportliche Wundertaten vollbringt. Und Donald Trump hält sich in aller ihm eigenen Bescheidenheit für ein Genie, ein ‚stabiles, mentales Genie‘, wie er per twitter die Welt wissen ließ.

Also: Nicht alle schaffen es, sich ihre Schwächen, ihr Nicht-Perfektsein einzugestehen.

Schade. Denn es ist ein Zeichen der Freiheit, ein realistisches Selbstbild von sich zu haben, das heißt, seine Stärken und seine Schwächen zu kennen und anzuerkennen.

Gläubige Menschen haben zumindest die Chance, damit weniger Probleme zu haben: Sie sollten nicht nur den Splitter im Auge des Anderen, sondern auch im eigenen wahrnehmen – und manchmal ist der eigene Splitter gar ein Balken (Mt 7,1-5).

Sie sollten sich akzeptieren können, was nicht heißt, es beim Status quo zu belassen: Bei jedem gibt’s noch ‚Luft nach oben‘. Aber Gläubige dürfen hoffen, dass das letzte Urteil, das gültige, das endgültige, weder von ihnen selbst noch den Mitmenschen, der Ge-sellschaft nicht und nicht Ideologievollstreckern gefällt wird.

Vor allem dürfen sie, dürfen wir hoffen, dass das Urteil nicht gerecht, sondern barmherzig ausfällt, gesprochen vom Unvergleichbaren.

Axel Müller, Kath. Schuldekan

Heidelberg/Weinheim