Mannheim

Vorsicht, Übergang!

Alle Zeiten sind interessant und je „neu“. Die Klage des Kohelet: „Was geschehen ist, wird wieder geschehen, / was getan wurde, wird man wieder tun:/ Es gibt nichts Neues unter der Sonne. Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: / Sieh dir das an, das ist etwas Neues – / aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind“ mag für menschliche Grundbefindlichkeiten gelten – nicht aber für die spezifischen ökonomischen, technischen, gesellschaftspolitischen oder geistesgeschichtlichen Bedingungen des je „Neuen“. Was allerdings bleibt, ist das Phänomen des permanenten Wandels als Normalfall: Er ist das Signum der jeweils Gegenwart werdenden Zukunft, des fließenden Übergangs dieser Zeitkategorien.

Der Übergang wird so paradoxerweise zum Stabilen in Zeiten der wirklichen oder vermeintlichen Disruption, des radikalen Abbruches, des Verlustes von Vertrautem, vielleicht Vertrauenswürdigem. Permanente Innovation bei gleichzeitig drohen- dem Erinnerungsverlust dessen, was Gegenwart ermöglichte, der Übergang der Lese- in die Touch-Pad-Wisch-Kultur, von Wikipedia zu WikiLeaks, vom Wagnis, „sich des eigenen Verstands zu bedienen“ zur Unterwerfung unter das populistische Diktat jedweden Mainstream: Ist das nicht unsere Situation?

Dass „Kirche“ auch Ort der Vorbereitung auf solche Unwäg- barkeiten und Umwälzungen und vor allem deren angemessen-kritischer Bewältigung sein kann und sollte, hängt mit ihrem besonderen Charakter zusammen.

Denn gerade ihr Fundament hat selbst etwas irritierend Über-ganghaftes an sich hat, etwas „Fluides“, wie man neuerdings zu sagen pflegt.

Wenn auch Eltern und Politiker sich von Kirche, auch kirch- lichen Schulen zurecht etwas Originäres versprechen und dies meist auf etwas im Sinne von „Werteerziehung, Ordnung und Stabilität“ zielt: Trifft dies gerade nicht den Kern unserer christlichen Überlieferung.

Denn die hat etwas verstörend Dialektisches an sich: Heißt auch „religio“ Rückbindung, Festmachen an etwas, so ist das, woran sich christlicherseits gebunden wird, gerade die Infragestellung des bislang Fraglosen, Aufbruch aus dem Gewohnten ins Ungewöhnliche, ins zu erkundende Unbekannte: Eine der zentralen biblischen Verheißungen lautet nicht: „Siehe, ich belasse alles beim Alten“ – sondern: „Und er wird abwischen jede Träne von ihren Augen, und es wird keinen Tod mehr geben, auch keine Trauer, keinen Klageschrei, keine Mühsal wird es mehr geben; denn das Frühere ist vorbei. Und der auf dem Throne saß, sprach: ‚Siehe, ich mache alles neu’!“(Apk 21,4-5)

Und das von Jesus verkündigte „Reich Gottes“ ist Alternative zu jedem immanenten gesellschaftlichen Entwurf, zu jedem Parteiprogramm, zu jeder totalitarismusaffinen Ideologie.

Nicht zufällig wurde schon immer als Provokation empfunden, als denkbar größte, größte denkbare Umwertung aller Werte, dass ausgerechnet ein als blasphemischer Aufrührer Geltender der Christos sein sollte – der uns Gegenwart wird, so sagt der Glaube, immer wieder und immer neu im Zentrum der Litur- gie, der Wandlung.

Und „Auferstehung“ gar – was kann das Anderes sein als die Chiffre für den Übergang vom Gewohnten ins schlechthin Andere?

Axel Müller, Katholischer Schuldekan Heidelberg/Weinheim