Mannheim

Wachholderschnaps und coole Beats

Archivartikel

Statt Jakobsmuschel am Rucksack verbindet die modernen Wallfahrer ein Glas, das sie auf ihrer Route mit sich tragen. Der Pokal mit der Aufschrift „Gin Tonic Festival Jungbusch“ ist der Schlüssel zum Glück. Mit ihm können sich die Festivalgäste durch 30 verschiedene Gins kosten. Neben dem Laien bekannten Dry Gins wie Bombay Sapphire, gibt es unzählige exotische Sorten. Ob Holunder, Rhabarber oder Heidelbeere – auf dem Festival vor der St. James Bar in der Hafenstraße lassen sich Gins mit allen erdenklichen Fruchtaromen finden. Auch, wer es weniger süß mag, kommt mit Geschmacksnoten wie Sellerie, Melisse, Schlehe auf seine Kosten. Und für Gäste aus Hessen, die auch für ein paar Stunden nicht auf ihren Eppelwoi verzichten mögen gibt es Bembel-Gin.  Damit nicht genug, denn was wäre Gin ohne Tonic, bekommt man zu jedem Wachholderschnaps direkt auch etwas von dem passenden Tonic Water gereicht. Auch die Bitterlimonade ist groß im Kommen.  

Die Barbetreiber haben die Gin-Verkostung gemeinsam mit der ebenfalls im Jungbusch ansässigen, auf Gin spezialisierten, Bar „Maria“ organisiert. Mehr als 300 Gäste erwarten die Veranstalter an diesem Samstagabend in der Straße direkt am Kanal. Für mehr Besucher wäre auch kein Platz. Da der Eintrittspreis von knapp 24 Euro, neben einem Gin Tonic, das Verkosten sämtlicher Sorten beinhalte, dürften die Schlangen vor den einzelnen Ständen nicht zu lang werden, sagt Ashkan Mahmoud, Organisator und Betreiber der „St. James“ Bar.

Von 17 Uhr an drängeln sich die ersten Gäste vor den Schnapsständen. Wer um drei Uhr immer noch nicht genug hat, wird anschließend in der „Maria“ den Morgen mit einem letzten Glas des Trendgetränks begrüßen.

Wachholderschnäpse aus der Region

Neben ihren eigenen Ständen haben die Veranstalter weitere Ginproduzenten und Verkäufer aus der Region eingeladen. Der Heidelberger Koch Christopher Wloka von „Upstairs Gin“ etwa schenkt drei von ihm entwickelte Sorten aus. Das Start-up hat er zusammen mit einem Kommilitonen gegründet. Ursprünglich planten die beiden nur 100 Flaschen im Rahmen einer Projektarbeit für die Hotelfachschule, jetzt widmet Wloka seine ganze Zeit dem Gin. Seine jüngste Kreation ist ein Mannheimer-Gin, der bald auf den Markt kommt und Grapefruit-, Brombeer- und Himbeernoten vereint.

Am Stand nebenan findet sich der einzige in Mannheim selbst produzierte Wachholderschnaps. „Monnem 68 Dry Gin“ verdankt seine Entstehung den unzähligen Kneipen im Jungbusch. „Mein Mann kam eines Abends aus dem Jungbusch nach Hause und fragte mich, wieso wir eigentlich keinen Gin herstellen“, erzählt Sabrina Indovino Tochter des Destillateurs Bernd Scheuermann. Ein Jahr später lag dann die erste, von ihrem Vater produzierte, Ginflasche unter dem Weihnachtsbaum.

Das Festival zieht nicht nur Mannheimer an. Gin-Liebhaber aus der ganzen Rhein-Neckar Region haben sich versammelt. Viele waren schon im vergangenen Jahr beim ersten Festival dabei. Der Nußlocher Maximilian Matejka ist vor zweieinhalb Jahren eher zufällig im Rahmen einer Ernährungsumstellung auf den Geschmack von Gin gekommen. An diesem Samstagabend hat er bereits einige überzeugende Neuentdeckungen gemacht. „Ich persönlich bevorzuge Citrus- und klassische Wachholderaromen. Besonders gerne mag ich zum Beispiel den Gin von „The Duke“. Aber das ist alles Geschmackssache“, räumt der 26-Jährige ein, der einige der degustierten Schnäpse kaufen will.

Wandel im Jungbusch

Ambiente und Publikum spiegeln die Veränderungen im Jungbusch wider. Große Sonnenschirme und Liegestühle, elektronische Beats und hippe, tätowierte Unter-Vierzigjährige prägen das Bild. Direkt am Kanal zwischen modernisierten Fabrikgebäuden, die Galerien und kreativwirtschaftliche Arbeitsplätze beherbergen, erscheint Mannheim so urban wie sonst selten. Die Entwicklung, die der Jungbusch in den zurückliegenden zwei Jahren gemacht habe, fasziniere, sagt Studentin Johanna Roth, die direkt gegenüber des Festivalorts wohnt. Trotzdem, eine Stimmung wie an diesem Abend sei eher noch die Ausnahme, meint die 21-Jährige. Und auch das Publikum, das sonst auf den Bänken am Ufer Platz nimmt, sei weniger illuster. „Hier geht es einfach entspannt zu“, mein Johanna. Aber ab und zu schwappt dann eben doch eine Welle des Wandels über Kanalböschung –sei es, weil wie an diesem Abend die Fans eines Trendgetränks an den Kanal pilgern. Oder so.