Mannheim

Wahrer Reichtum

Die Armen sind der Schatz der Kirche!“ So antwortet Diakon Laurentius, als ihn der römische Kaiser auffordert, den Kirchenschatz herauszugeben. Der Kaiser wollte alle Reichtümer für sich. Laurentius versammelt Menschen von der Straße in der Kirche: Blinde, Lepröse, Kranke, Witwen, Waisen – der Schatz der Kirche. Der Kaiser wurde wütend und ließ Laurentius foltern und auf einem Rost verbrennen.

„Die Armen sind der Schatz der Kirche!“ So erlebe ich das in unserer Kirche auch. Jeden Tag kommen derzeit Hunderte von Menschen in unsere Kirche. Wohnsitzlose, Arbeitslose, Rentnerinnen, Einsame und Haltlose. Einer aus dem Knast, eine aus der Psychiatrie. Sie sitzen zusammen und essen Kohlroulade mit Kartoffelbrei. 60 Ehrenamtliche helfen jeden Tag, damit das gelingt. Jugendliche und Rentnerinnen bedienen gemeinsam, spülen und schmieren Brötchen. Und hunderte von Spenderinnen schenken uns so viel, damit wir uns das überhaupt erlauben können, die vielen Leute zur Vesperkirche einzuladen.

Und jedes Jahr überrascht mich die Erkenntnis neu: Die Armen machen uns reich! Das fängt damit an, dass ich begreife, dass mein Leben ein Geschenk ist, keine Selbstverständlichkeit, ich lerne Dankbarkeit. Ich unterhalte mich mit zwei jungen Leuten, beide im Heim aufgewachsen, jetzt leben sie auf der Straße. Sie hatten von allem immer zu wenig: zu wenig Liebe, zu wenig Unterstützung und Aufmerksamkeit, um Vertrauen zu lernen, und Selbstvertrauen, ja, auch zu wenig Geld, um mithalten zu können. Ich begreife wie viel mir geschenkt ist.

Ich lerne Barmherzigkeit

Eine Frau erzählt genüsslich von einem Leben voller Musik – auch sie hat heute fast nichts, aber spricht mit großer Geste: ein Herz voller Liebe. Bewundernd sieht eine andere sie von der Seite an. „Ich habe seit Monaten nichts Warmes gegessen und schon lange niemanden zum Reden.“ Sie ist glücklich über das Miteinander mit der Tischnachbarin. Ein anderer rastet fast aus, er hat so Hunger und muss zu lang warten, wieder ein anderer daneben beruhigt ihn, wie ich es nie gekonnt hätte. „Jetzt guck doch mal, die alte Frau, die läuft für uns rum und bedient uns. Die hat auch keine besseren Füße als du!“ Als das Essen kommt, strahlen schon wieder alle. So lerne ich Barmherzigkeit.

Eigentlich bin ich so ungeduldig, dass ich die Helfenden immer antreiben will, damit nie einer zulange mit Hunger wartet. So viele sind da, die jeden Tag zu wenig haben, zu wenig Respekt und zu wenig Ansehen. Doch so viel Armut auch da ist, so viel Reichtum an Individualität gibt es. Manche sind genau deswegen arm, weil sie sich nicht so anpassen, wie es in unserer Gesellschaft „normal“ ist und nötig: um eine Ausbildung zu machen, einen Job zu haben und eine Wohnung. Wer viel Geld hat, kann sich das leichter leisten, unangepasst zu sein. Aber hier sind solche, die es trotzdem tun: nicht Künstler, nicht Stars – einfache Leute. Ich will Armut nicht verherrlichen, ich teile die Verzweiflung und die Wut über die Ungerechtigkeiten die Leute zu „Armen“ machen. Dennoch bewundere ich alle, die aufstehen und immer noch versuchen ihr Leben zu leben oder für andere da zu sein, auch wenn sie immer nur das Nötigste haben. Die Vesperkirche ist angefüllt bis unters Dach mit Schätzen und Reichtum – und Gott ist da und die Engel singen Loblieder.

Pfarrerin Ilka Sobottke, Citygemeinde Hafen-Konkordien

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