Mannheim

Landgericht Gutachter schließt im Fall der erstochenen Vermieterin Affekthandlung aus

War „Eifersucht ein Treffer“?

Das Motiv der Tat ist bei der Fortsetzung des Prozesses um einen 24-Jährigen, der im Sommer seine Vermieterin mit 55 Messerstichen getötet haben soll, weiter unklar. Nach der Tat, an die er keine Erinnerungen hat, stellte er sich der Polizei (wir berichteten). Gestern wurden beim Landgericht weitere Zeugen vernommen. Der junge Mann nimmt die Aussagen gefasst und mit gesenktem Haupt entgegen. Hin und wieder streicht er sich mit der Hand nachdenklich über sein Kinn.

Die Mutter des Angeklagten erzählt, dass der leibliche Vater sie kurz nach der Geburt verlassen und wenig Interesse an dem Kind gezeigt hatte. Zwei Jahre später lernt die Bad Kreuznacherin ihren jetzigen Mann kennen und bekommt einen weiteren Sohn. Da der jüngere Bruder gesundheitliche Beschwerden hat, dreht sich vieles um ihn. Ihr älterer Sohn habe sich deshalb zurückgesetzt gefühlt, weshalb er in Alkohol und Drogen flüchtete. Um mehr Aufmerksamkeit zu bekommen, habe er als Kind im Supermarkt ein Feuer gelegt. Kurz darauf war er in Behandlung bei einer Kinder- und Jugendpsychiaterin.

Aggressiv sei ihr Sohn nur gewesen, wenn er Alkohol konsumiert hatte. Er fängt als 15-Jähriger damit an. Ein Jahr später hat er seinen ersten Rausch und trinkt regelmäßig. Frequenz und Mengen nehmen kontinuierlich zu. Seinen ersten Joint raucht er mit 16 Jahren, später kommen Amphetamine dazu. Zwei Therapieversuche, die er aus eigenem Antrieb begonnen hatte, bricht er vorzeitig ab. Nach der Mittleren Reife beginnt er eine Ausbildung zum Bäcker, verliert jedoch seinen Lehrplatz. Zwei weitere Arbeitsstellen verliert er ebenfalls.

Als er eines Tages auf seinen Stiefvater mit dem Golfschläger losgeht und versucht gegen seine Mutter handgreiflich zu werden, setzen die Eltern ihm ein Ultimatum: Entweder er ändert sich oder er zieht aus. Der heute 24-Jährige schläft fortan bei verschiedenen Kumpels. Bis er seine Freundin kennenlernt und mit ihr nach Mannheim zieht. Die Beziehung endet im Sommer 2016. An Pfingsten vergangenen Jahres macht er einen guten Eindruck, sagt seine Mutter. Zu diesem Zeitpunkt wohnt er bereits bei dem Opfer.

Der Partner der getöteten 32-Jährigen vermutet, dass seine Freundin und der Untermieter ein Verhältnis hatten, obwohl sie es dementiert hatte. Der Angeklagte hat ebenfalls zu Protokoll gegeben, dass er keine Beziehung zu der Vermieterin hatte. Dennoch sagt er bei der Vernehmung, dass das „Thema Eifersucht ein Treffer“ sei. „Mehr wollte er nicht dazu sagen“, sagt ein Kriminalbeamter im Zeugenstand. Ein Bekannter des Opfers sagt aus, dass sie vor dem Mitbewohner Angst hatte.

Unter Alkohol- und Drogeneinfluss

Die toxikologische Untersuchung ergibt, dass der Angeklagte bei der Tat unter dem Einfluss von Alkohol und Cannabinoiden stand. Peter Haag, Facharzt für Neurologie, stellte das forensisch-psychologische Gutachten vor. Aufgrund seines hohen Alkoholkonsums sei das Aggressivitätspotenzial des 24-Jährigen erheblich erhöht.

Eine Tat im Affekt schließt Haag aber aus, da weder eine enge Beziehung zwischen dem Angeklagten und dem Opfer vorliegt und dieser auch nicht an einer Impulskontrollstörung leidet. cap