Mannheim

Serie Jesuit und Gewerkschafter – der einstige katholische Präses kämpft noch immer für Menschen in Bedrängnis / „Mannheim hat etwas sehr besonderes gehabt, eine Kultur der Solidarität“

Was macht . . . Pater Schabowicz?

Mannheim.Noch heute sehe ich ihn vor mir, diesen untersetzten Mann mit der Stirnglatze, der im schwarzen Anzug mit vor dem Bauch gefalteten Händen da in der Mitte des Saales stand. Das kleine Ordenskreuz am Revers identifizierte ihn als Geistlichen, und ich muss offen gestehen, dass ich alles erwartet hatte – nur nicht das, was dann folgte: Pater Otto Igncaz Schabowicz hob an zu einer Rede vor der Mannheimer Hertie-Belegschaft, vor Frauen und Männern, die alle um ihre Arbeitsplätze fürchteten. Seine mit lauter Stimme gesprochenen Worte hatten so gar nichts von einer Predigt, es war eine kämpferische, grollende, manchmal fast wütende Ansprache, wie sie selbst gestandenen Gewerkschaftern alle Ehre gemacht hätte. Aber irgendwie war der Jesuitenpater das ja auch – ein Gewerkschafter Gottes eben.

Von Mannheim nach Polen

Elf Jahre lang, von 1988 bis 1999, führte er als Präses die Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) hier in der ganzen Region Protestzüge gegen Werksschließungen an, war mitten unter den Arbeitern, wenn es darum ging, ihre Jobs zu verteidigen, legte sich furchtlos mit den Arbeitgebern an, mischte sich lautstark und manchmal ganz leise ein, um – wenn scheinbar alles verloren war – dennoch das Menschenmögliche für sie zu erreichen. Hertie, BBC, SEL, die Schlecker-Frauen, für alle setzte er sich ein. Als seine Mannheimer Zeit vorbei war, trauerten ihm viele nach, und selbst so mancher gestandene Metaller verdrückte nur mühsam eine Träne beim Abschied.

Fast 20 Jahre ist das jetzt her, wir haben irgendwie Kontakt gehalten, alle paar Jahre mal voneinander gehört. „Ich habe in Mannheim gespürt, dass ich mich nicht in der Hausnummer geirrt habe“, sagt er oft, „dass meine Berufung als Priester und Jesuit auch meinen Einsatz für benachteiligte Menschen bedeuteten“. Dabei war „der Schabo“, wie ihn viele heute noch nennen, ein Spätberufener. Lange bevor er zum Priester wurde, war der gelernte Universalfräser aus Guntersblum bei Mainz IG-Metall-Mitglied.

Von Mannheim aus zieht es den Pater nach Gleiwitz in Polen, sein Ordensprovinzial schickt ihn dorthin, und er gehorcht. „Ich habe dort das Bildungshaus Theotokos mit aufgebaut, ein Begegnungszentrum, auch für Gewerkschaften.“ Das Thema begleitet ihn also auch nach Polen, der Heimat seines Vaters. Schabowicz spricht die Landessprache fließend, wenn auch mit deutlichem „Määnzer“ Zungenschlag. In Gleiwitz bringt er deutsche Gewerkschafter mit Vertretern der Solidarnocz zusammen, „die mussten lernen, wie man in Europa Gewerkschaftspolitik macht, wie man europäische Gesamtbetriebsräte bildet“.

Damals schenkt der Pater seine Otto-Böckler-Medaille, eine hohe Auszeichnung des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), der „schwarzen Madonna von Tschenstochau“ – eine Art Votiv-Gabe, ein „Zeichen für die deutsch-polnische Versöhnung“, wie er damals sagt.

Es folgt ein kurzes Intermezzo in Dieburg, wo er von 2002 bis 2003 als Gemeindepfarrer eingesetzt ist, dann zieht er weiter nach Hof in Oberfranken. Neben seiner Mitarbeit in der Pfarrei gründet er dort – quasi als erste Amtshandlung – ein Solidaritätskomitee nach dem Vorbild des Mannheimer Solikomitees, zu dessen Gründervätern er gehörte: „Wir haben es nach der Insolvenz einer der größten Regionalbanken in Oberfranken zusammen geschafft, viele Menschen wieder in Arbeit zu bringen“, erzählt er, an einige von ihnen erinnert er sich noch ganz genau: „Eine Frau, die in der Buchhaltung gearbeitet hatte, hat ein wunderschönes Blumengeschäft eröffnet. Da lag viel Segen darauf.“

Seit 2008 ist Pater Otto Ignacz Schabowicz nun in Göttingen zu Hause, als Diözesanpräses leitet er dort die Vereinigung der katholischen Männergemeinschaften. „Wen Sie so wollen, bin ich jetzt Männerseelsorger“, sagt er, aber das große Thema seines Lebens beschäftige ihn auch dort weiterhin: die Soziallehre, der Einsatz für Menschen in Bedrängnis, die Hilfe für die Benachteiligten. „Ich bleibe meiner Linie treu“, sagt Schabowicz, „es geht immer um den Menschen, um den Einsatz für Gerechtigkeit und Glaube“.

Und seine Zeit hier, was bleibt davon? „Mannheim hat etwas sehr besonderes gehabt, eine Kultur der Solidarität, wie sie selten anzutreffen ist.“ Und ja, er vermisse viele Menschen von damals. Mit ihnen fühle er sich nach wie vor verbunden. „Ich bete für sie, wie ich einst für sie gekämpft habe.“ Und so ist er geblieben, was er stets war – ein Gewerkschafter Gottes.

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