Mannheim

Wer verzichtet, erkennt

In dieser Woche hat der Ramadan begonnen. Auch in meiner Nachbarschaft gibt es Muslime, die jetzt zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang fasten und weder essen noch trinken. Das nötigt mir eine Menge Respekt ab. In diesen Tagen denke ich besonders an meine muslimischen Nachbarn, wenn ich mir eine Flasche Wasser öffne und mir mittags meinen Teller fülle. Für uns Christen ist mit Ostern die Fastenzeit gerade zu Ende gegangen. Unser christliches Fasten hat andere Regeln. Aber ich sehe, dass wir vom Fasten der Muslime so manches lernen können.

Im Fasten meiner muslimischen Nachbarn wird auch für mich deutlich, wie sehr einem eine Flasche Wasser und die Kraft, die eine gute Mahlzeit gibt, fehlen kann. Es wird Dankbarkeit für dieses zum Leben so Notwendige und doch wenig Beachtete geübt. Gleichzeitig wird darauf verzichtet. Wer verzichtet, versteht neu, was lebensnotwendig und unverzichtbar ist. Wir müssen essen und trinken, um zu überleben. Das ist nicht so banal und harmlos, wie es auf den ersten Blick scheint. Wenn ich genau hinsehe, dann erfahre ich: Die Art und Weise, wie wir unsere Nahrung produzieren, wie wir konsumieren und verbrauchen, geht auf Kosten anderen Lebens. Der britische Mathematiker und Philosoph Alfred North Whitehead hat einmal formuliert: Life is robbery – Leben ist Raub. Jeden Tag vernichten wir anderes Leben, um selbst leben zu können.

Barmherzigkeit als Ansporn

Wer fastet – und wer so fastet, wie Muslime es im Ramadan tun –, der spürt am eigenen Leib, was Not tut, was wirklich gebraucht wird, um leben zu können. Und er erfährt, wie schwer es ist, auf Lebensnotwendiges zu verzichten. Wer so fastet, macht aber auch deutlich: Wir wollen uns im Leben nicht allein an dem orientieren, was uns selbst guttut und was wir brauchen. Wir gehen raus aus dem Kreislauf, unser Leben auf Kosten anderen Lebens zu leben. Wir wollen unser Leben nicht als Räuber und Jäger führen.

Das Fasten verbindet sich mit dem Ansporn, barmherzig zu sein und im eigenen Handeln Gottes Barmherzigkeit aufscheinen zu lassen. Einem solchen Leben verheißen beide, Christentum und Islam, Ewigkeit. Denn wer sich an der Barmherzigkeit Gottes orientiert, der lebt ein Leben, das bleiben wird. Im Ramadan geben Muslime zu erkennen, dass sie in ihrem Leben nicht allein nach dem suchen, was ihr eigenes Wohlbefinden steigert, sondern immer auch nach dem fragen, was sie für andere tun können. Sie rufen damit uns alle auf, uns nicht allein an dem Leitbild zu orientieren, das in unserer Gesellschaft so prägend ist: immer mehr und mehr und mehr zu bekommen. Der Verzicht im Ramadan dagegen orientiert sich an der Barmherzigkeit Gottes, die zum Leben führt.

Dieses Leben, das kommt, eine Gemeinschaft, in der alle satt werden und für alle genug da ist, dieses Leben kann man dann im Fastenbrechen feiern. Auch hier lerne ich viel von meinen muslimischen Nachbarn: Jedes Fastenbrechen, jede einzelne Mahlzeit ist ein Fest. Solches Fasten und solches Fastenbrechen stehen unter dem Segen des Gottes Abrahams und des Gottes Ibrahims. Diesen immer wieder neu zu spüren verbindet Christen und Muslime.

Monika Lehmann-Etzelmüller, Dekanin des Kirchenbezirks Ladenburg-Weinheim und Pfarrerin an der Peterskirche in Weinheim