Mannheim

Wie eine Opernkritik entsteht

Archivartikel

So, wie auch das Leben selten, nun ja, standardmäßig verläuft, ist es auch bei einer Opernkritik. Wenn ich mich hinsetze und schreibe, sind die Voraussetzungen für die Urteile, die ich fälle, immer unterschiedlich. Trotzdem gibt es einen Idealfall: 1. Ich kenne das Stück sehr gut. 2. Ich habe es schon in mehreren Inszenierungen gesehen. 3. Ich lese mir vorher die Partitur (das ist das Buch, in dem der Text und alle Noten stehen) noch einmal durch. 4. Ich höre mir die Oper noch einmal an (zumindest aber die wichtigsten Stellen).

Wie gesagt, das ist das Ideal - dann geht es in die Premiere. Dort erwartet mich im Nationaltheater am 14. Oktober Bellinis "Norma", ein Werk, bei dem ich - Gott sei Dank - mit allen vier Punkten dienen kann. In der Premiere treffen dann bekannte Werkversionen auf neue Deutungen, Sänger, Zusammenhänge. Spannend.

Viele Leute denken, eine Kritik (Rezension) sei ein reines Geschmacksurteil, nur dass sie auf gut informierter Basis gefällt würde. Für mich fußt aber jedes Urteil auf subjektiven u n d objektiven Kriterien. Beispiel: Wenn ich senfgelbe Kostüme grässlich und hässlich finde, so ist das rein subjektiv. Objektiv kann es aber sein, dass der Regisseur damit die grässliche und hässliche Seele der Figur verdeutlichen möchte. Plakativ, kann aber funktionieren.

Es gibt eine ganze Menge solcher objektiver Kriterien: Sind die Auf- und Abtritte plausibel? Intoniert jemand richtig? Sitzt die Stimme? Funktioniert der Deutungsansatz? Werden die Personen stringent und sinnstiftend über die Bühne geführt? Koordiniert der Dirigent gut zwischen Orchestergraben und Bühne? Um nur wenige zu nennen.

Die Kritik selbst entsteht dann zunächst im Kopf - als gestaltloses Gesamtgefühl, das alles einzubeziehen versucht. Nachts setze ich mich an den Rechner und schreibe eine Online-Nachtkritik, die sich auch mit Publikumsreaktionen beschäftigt. Doch die eigentliche Arbeit - mit Partitur zum Überprüfen von Details - beginnt am Morgen. Hier entsteht die Hybridform Rezension aus journalistischen Spurenelementen von Nachricht, Reportage, Feature und Kommentar in mehrstündiger Arbeit. Eindrücke, Beurteilungen, Literarisches vermische ich mit Fakten. Jedes mal ganz anders. Stefan M. Dettlinger

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