Mannheim

Wir bleiben in Kontakt

Archivartikel

Letztes Jahr hatten wir einen jungen Mann aus den USA zu Gast. Sein Vater, den ich im Jahr zuvor bei einer Konferenz in Chicago kennengelernt hatte, wollte ihm einen Aufenthalt in Europa ermöglichen. So verbrachte er einige Wochen in unserer Familie, lernte uns und unsere Art zu leben kennen – und wir ihn. Es gab viele eher amerikanische Kontaktflächen (oberflächlich-freundlich) und einige sehr deutsche (tiefgründig-bedeutungsschwer). Sein Satz zum Abschied klingt mir immer noch nach: „We’ll stay in touch“ – wörtlich: Wir bleiben in Berührung. „Okay, die Amis“, dachte ich. Und natürlich kam keine Nachricht. Dass er nach seiner Rückkehr gut gelandet war, habe ich seinem Facebook-Profil entnommen. „We’ll stay in touch“: Samuel beendete damit unsere Begegnungen.

„Wir bleiben in Berührung!“ In diesen Tagen gewinnt der Satz eine Tiefendimension, die er noch vor zwei Monaten nicht hatte. Berührungen sind nämlich kostbar geworden in der Zeit des Lockdowns. Wer in einem Heim lebt und wochenlang keinen Besuch empfangen durfte, hat das erlebt. Wer einen Raum betritt und normalerweise Freunde umarmt hätte, weiß, was ich meine. Sogar unsere Sprache hat sich sterilisiert. Wir reden von vulnerablen Gruppen, von Kontaktsportarten und social distancing – gemeint sind Alte, Fußball und dem Zuhausebleiben.

Die Kontaktverbote wirken. Aber langsam, jedenfalls ist das meine Beobachtung als Seelsorger, sickert der körperliche Abstand, den wir halten müssen, auch in so manche Seele ein. Toleranz fällt noch schwerer als sonst. Abstruseste Ideen werden von ganz vernünftigen Leuten wiederholt. Angst auf der einen und Trotz auf der anderen Seite koppeln sich immer öfter von der Wirklichkeit ab, in der wir uns befinden. Und diese Wirklichkeit ist nach wie vor widersprüchlich.

Auch Einsamkeit macht krank

Das Virus ist immer noch aktiv – aber auch Einsamkeit macht krank. Im Moment ist bei uns die Verbreitung der Seuche unter Kontrolle – anderswo keinesfalls. Gesundheitsschutz ist wichtig – Sonnenstrahlen auf der Haut sind es auch. Abstandsregeln haben viele Leben gerettet – aber sie haben unser aller Leben auch verändert. Mit dieser widersprüchlichen Wirklichkeit müssen wir immer noch zurechtkommen. Zum Beispiel am Donnerstag. Dann ist Himmelfahrt. Früher sind viele Männer losgezogen, um Vatertag zu feiern. Manche mit dem sprichwörtlichen Fass Bier im Bollerwagen. Diesmal dürfte das anders sein. Unauffälliger, mit Abstand. Hoffentlich!

Auch Jesus stand vor der Aufgabe, Begegnungen mit seinen Freunden zu beenden, wie sie seit der Auferstehung immer wieder stattfanden. Und die Jünger mussten mit einer widersprüchlichen Wirklichkeit zurechtkommen: Das Herz zum Platzen voll, die Welt um sie herum reserviert bis feindlich. Ihnen sagt Jesus zum Abschied so ziemlich dasselbe wie uns unser amerikanischer Gast: „We’ll stay in touch.“ In der Apostelgeschichte des Lukas klingt das so: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen.“ Meint: „Wir bleiben in Berührung! Ihr bleibt in Berührung: mit der Wirklichkeit, mit Jesus, mit Gott selbst.“ Das ist der Sinn von Christi Himmelfahrt. Er geht von den Seinen weg, um mit Allen in Verbindung zu bleiben.

Übrigens: Vor ein paar Tagen bekamen wir eine E-Mail aus Chicago. Samuel geht es gut. Er denkt an uns und wünscht uns Gottes Segen. Wir bleiben in Kontakt!

Pfarrer Stefan Scholpp, ChristusFriedenGemeinde

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