Mannheim

Bilanz Schulen und Hochschulen, Medizin, Existenzgründer – die Kontakte in die Stadt am Mittelmeer sind vielfältig / Geschichte als wichtiges Thema / Sorge nach jüngsten Angriffen aus Syrien

„Wir können voneinander lernen“

Vor 70 Jahren, am 14. Mai 1948, wurde der Staat Israel gegründet. Mannheim hat seine eigene, enge Verbindung zu diesem Land – durch eine Partnerschaft mit der nördlichen Hafenstadt Haifa. 2019 jährt sich die Unterzeichnung des Partnerschaftsvertrags zum zehnten Mal. Wie sieht der Austausch zwischen Mannheim und Haifa heute konkret aus? Und was leisten solche Verbindungen im deutsch-israelischen Verhältnis, in Zeiten, in denen Judenfeindlichkeit bei manchen wieder Konjunktur hat? Drei Beteiligte ziehen Bilanz.

Majid Khoshlessan

Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Mannheim und Vorstandsmitglied der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Rhein-Neckar

„Intensiv und vielfältig“ – so bewertet Majid Khoshlessan die Partnerschaft – und zählt gleich einige Beispiele auf: Neben Schüleraustauschprogrammen etwa die Kooperation zwischen dem Rambam-Krankenhaus und dem Mannheimer Klinikum, die Tagungen und Besuche von Medizinern vorsehen. Oder die jährlichen Treffen von Gestaltungs-Studenten der Hochschule Mannheim und des Tiltan College mit gemeinsamen Workshops.

Städtepartnerschaften sind nach Khoshlessans Ansicht wichtig, für den Staat Israel genauso wie für das deutsch-israelische Verhältnis. „Israel ist der einzige demokratische Rechtsstaat in der Nahost-Region, in einem Meer von feindlich gesinnten Nachbarn.“ Den Angriff mutmaßlich iranischer Einheiten aus Syrien diese Woche sieht er mit Sorge. Er befürchtet, dass der Iran jetzt seinen Einfluss ausbauen will.

Umso nötiger seien für Israel mit seiner Sicherheitslage enge Bande zu anderen demokratischen Staaten – das leisteten auch Städtepartnerschaften. Mit Blick auf die deutsche Geschichte seien diese Verbindungen ebenfalls wichtig, sagt der 70-Jährige. „Um das Gedenken aufrechtzuerhalten und sicherzustellen, dass sich so etwas nicht wiederholt.“ Wenn Deutsche persönlich Juden kennenlernten, seien sie „gefeit“ vor Propaganda und Antisemitismus, den Khoshlessan wieder aufflammen sieht, wenn auch nicht in Mannheim. Für die Zukunft der Partnerschaft mit Haifa wünscht er sich noch mehr Begegnungen, gerade zwischen „ganz normalen Leuten“. „Wir von der christlich-jüdischen Gesellschaft bieten Reisen an, an denen jeder teilnehmen kann“, sagt er. „Auch Vereine könnten sich mehr zusammensetzen und versuchen, Verbindungen aufbauen.“

Robert Karpel

langjähriger Baudezernent Haifas und heute Berater von Oberbürgermeister Yona Yahav bei Haifas Beziehungen in Deutschland

„Die wesentliche Aufgabe einer Städtepartnerschaft ist es, Bürger miteinander ins Gespräch zu bringen, damit sie einander kennenlernen“, sagt der 82-Jährige. Das sei bei allen fünf Partnerschaften Haifas mit deutschen Städten definitiv der Fall, findet Karpel. Die Verbindung mit Mannheim ist die jüngste – Haifa ist zudem mit Bremen, Düsseldorf, Mainz und Erfurt liiert. Für Israel sei das sehr wichtig – denn so könnten sich Besucher ihr eigenes Bild machen über den Alltag im Land, über „den nicht endenden Konflikt“ mit den Palästinensern und darüber, wie Lösungen für Israel aussehen könnten. Nach den Angriffen in dieser Woche könne sich die Sicherheitslage in der Region „natürlich hochschaukeln“, befürchtet er.

Bei der Verbindung zu Mannheim geht es aus Sicht von Karpel künftig darum, diese zu erweitern – wie zuletzt etwa durch den im März dieses Jahres gegründeten „Haifa Business Club“. Mit ihm wolle man Mannheimer Unternehmen über Investitionen und Kooperationsmöglichkeiten in Haifa informieren.

David Linse

Leiter des Fachbereichs Internationales bei der Stadt Mannheim

Die Partnerschaft mit Haifa gehöre „zweifellos zu den besonders lebendigen der Stadt Mannheim“, sagt David Linse. Die ersten Verbindungen seien mehr als 30 Jahre alt. In dieser Zeit hätten sich nicht nur „zahlreiche persönliche Freundschaften“ entwickelt. Vor allem sei „das wechselseitige Verständnis für einander“ gewachsen. Die Stadt Mannheim möchte Linse zufolge die Partnerschaft mit Haifa weiterentwickeln. „Wir wollen vor allem wirtschaftliche und gesellschaftliche Fragestellungen gemeinsam bearbeiten.“ Israel sei das Land der Existenzgründer, und Haifa gelte im Nahen Osten als Vorbild für das Zusammenleben von Religionen und Kulturen. „Dies verbindet uns, und hier können wir voneinander lernen und gemeinsam vieles bewirken.“ Die Begegnung zwischen den Menschen sieht der Fachbereichsleiter aber weiter als zentrale Säule. In Zeiten von zunehmender Geschichtsvergessenheit und Antisemitismus verbreite die Partnerschaft wichtige Signale: „Wir setzen uns aktiv mit der Geschichte unseres Landes auseinander und setzen Zeichen gegen Antisemitismus und für Völkerverständigung.“

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