Mannheim

Abendakademie Susanne Deß über die Zukunft der Volkshochschulen

„Wir sind ein Ort der Demokratie“

Die Volkshochschulen (VHS) feiern dieses Jahr 100. Geburtstag. 1919 wurde in der Weimarer Verfassung die „Förderung der Erwachsenenbildung verankert“, wie Susanne Deß, Chefin der Abendakademie, erklärt. Die Mannheimer VHS blickt bereits auf eine 120-jährige Geschichte zurück, weil sich hier früh Bildungsstrukturen institutionalisiert haben. Deß richtet ihren Blick aber auch nach vorne: Was wird in den nächsten Jahren immer wichtiger? Sie sagt: Flexibilität im Angebot – „und natürlich die digitale Transformation, wie in allen Bereichen“. Im Interview spricht sie unter anderem über die Herausforderungen der Zukunft.

Frau Deß, Volkshochschulen wollen Menschen weiterbilden, aber es gibt ja auch etwas verrückte Angebote. Was war Ihr witzigster Kurs?

Susanne Deß: Das Verrückteste war wohl ein Feuerlauf, bei dem ich barfuß über glühend-heiße Kohlen gelaufen bin. Passiert ist mir natürlich nichts. Ich wollte mit dem Angebot nämlich vor allem zeigen, dass es physikalisch ganz einfach zu erklären ist – und nichts mit Esoterik zu tun hat: Durch die Hitze verdampft Schweiß. Dadurch bildet sich eine Art Luftkissen unter dem Fuß – und wir können einfach normal über heiße Kohlen laufen. Das Ganze ist wohl 30 Jahre her, aber ich erinnere mich gerne an die Aktion.

Machen solche Angebote für Sie Volkshochschule aus?

Deß: Es gibt natürlich die verschiedensten Kurse von A bis Z – auch mal mit banalen Themen wie dem Feuerlauf. Aber Volkshochschulen sind viel mehr als das. Bei uns können Menschen ihren Schulabschluss von der Hauptschule bis zum Abitur machen. Sie können sich aufs Studieren vorbereiten, Sprachen lernen, sich für den Beruf weiterbilden. Das ist neben manchmal verrückteren Angeboten und politisch-kulturellen Veranstaltungen unsere Kernkompetenz. Mir ist diese Mischung wichtig. Volkshochschulen decken so eben ein breites Spektrum ab. Außerdem sind sie quasi überall vertreten, fast in jedem Ort zu erreichen. So gut wie jeder hat einen Zugang zu den Angeboten. Und so werden wir zu einem Allrounder, zu einer Einrichtung, die alles bietet – vor allem aber Chancen.

Was meinen Sie damit?

Deß: Durch unser Bildungsangebot eröffnen wir den Menschen Möglichkeiten. Es geht nicht nur um einen Schulabschluss. Es fängt schon beim Schreiben und Lesen an. Analphabeten ermöglichen wir durch unsere Kurse die Teilhabe an der Gesellschaft. Sie lernen bei uns die Grundlagen für ein normales Leben – ohne Einschränkungen. Wir grenzen niemanden aus, respektieren bis zu einem gewissen Grad unterschiedliche Meinungen und sind dadurch auch ein Ort der Demokratie.

Was müssen Volkshochschulen bieten, um attraktiv zu bleiben?

Deß: Mittlerweile ist es so, dass Menschen gerne eine Verbindung zwischen dem Angebot und ihrem Leben herstellen. Wenn ein Kurs nichts mit ihrem Leben zu tun hat, ihnen beispielsweise nicht weiterhilft, dann ist er meistens uninteressant. Darum müssen wir transparenter in unseren Inhalten werden – und auch flexibler. Verbindlichkeiten stoßen eher ab. Nicht jeder will sich für acht Kurstermine im Voraus festlegen. Darum überlegen wir uns, ob wir die Strukturen mehr öffnen, die Schwellen minimieren, damit Menschen leichter bei uns hineinschnuppern können. Eine Möglichkeit wären offene Angebote, zu denen jeder kommen kann, wenn er Zeit hat – ohne sich im Vorfeld mit einer Anmeldung zu verpflichten. Oder auch ein Abo-System mit einem bestimmten Kontingent an Teilnahmen ist denkbar. Außerdem müssen wir uns immer wieder fragen: Was interessiert die Menschen? Danach richten wir uns.

Mehr Flexibilität bringt die Digitalisierung – mit Seminaren im Internet ohne Präsenztermine. Denken Sie, das hat Zukunft?

Deß: Wir bieten bereits Webinare, also Online-Seminare, an und haben auch eine Lernplattform im Internet mit vielen Möglichkeiten des Austauschs, digitaler Unterricht sozusagen. Das läuft langsam an. Wir wollen aber das Bewährte mit neuen Technologien verbinden – sehen das eine nicht ohne das andere. Das fängt bei uns in den Mitarbeitersitzungen an. Wir probieren viel aus. Und das muss sein: Wir können nur digitalen Unterricht anbieten, wenn wir selbst digital denken.