Mannheim

Pflege Präsident der Diakonie Deutschland in Mannheim wirbt für höheren Stellenwert und bessere soziale Vernetzung

„Wir sollten unser Bild vom Alter überdenken“

Archivartikel

Was will jeder werden, aber keiner sein? „Alt“ ist die Antwort auf die bekannte Scherzfrage. Da ist viel Wahres daran: Das Alt-Sein ist in unserer Vorstellung oft mit Einschränkungen verknüpft, mit Ausgeschlossen-Sein. Eine Tatsache, die Ulrich Lilie stört: „Wir reden über Menschen, die im Alter noch an Rechen-Wettbewerben teilnehmen, aber wir reden viel zu wenig über die ‚Normalos’ und ihre Sorgen und Bedürfnisse.“ Anlässlich des internationalen „Tag der Pflege“ am 12. Mai kam der Präsident der Diakonie Deutschland nach Mannheim, um sich ein Bild zu machen von der Situation älterer Menschen in dieser Stadt. Im Rahmen eines Forums, welches das Diakonische Werk am Mittwoch gemeinsam mit der Evangelischen Pflege und der Diakonie-Sozialstation im ThomasCarree Neuostheim veranstaltete, sollten Pflegekräfte und vor allem Menschen in Pflege und Alter Gehör finden.

„Dass die Politik 7000 Stellen in der Pflege verspricht, ist ein Witz. Es werden siebzig- bis achtzigtausend benötigt“, sagt Lilie. Gerade die ambulante Pflege muss nach Ansicht von Jessika Tirandazi, Geschäftsführerin der Diakonie-Sozialstation, „einfacher gedacht werden“. Sie plädiert für weniger Bürokratie. Außerdem spricht sie sich für eine größere Wertschätzung sozialer Berufe aus: „Was unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter täglich leisten, ist unbezahlbar.“

Dass Stellenwert, Ansehen und Bezahlung von Pflegeberufen verbessert werden müssen, steht auch nach Lilies Ansicht außer Frage. Dennoch: „Wir sollten nicht nur über Pflege sprechen, sondern auch unser Bild vom Alter überdenken.“ Es bestehe ein großer Durst nach Wertschätzung. Lilie wirbt daher für eine bessere soziale Vernetzung, insbesondere in der Nachbarschaft.

Fehlende Sozialräume

Damit ist er in guter Gesellschaft. „Alte Menschen unterscheiden sich gar nicht so sehr von jungen. Sie alle brauchen Nähe und Begegnungen“, pflichtet Dekan Ralph Hartmann ihm bei. „Darüber hinaus haben ältere Menschen oft viel zu erzählen. Und es tut weh, wenn niemand zuhört.“

Stadträtin Claudia Schöning-Kalender merkt an, dass frühere Sozialräume oft nicht mehr vorhanden seien: „Die Wirtshauskultur zum Beispiel ist dabei, zusammenzubrechen. Denken Sie an die Kneipe an der Ecke.“ Umso wichtiger sei es, das Quartier zu pflegen und stadtteilbezogene Netzwerke aufzubauen. Das ThomasCarree sei in dieser Hinsicht „wirklich vorbildlich“.

„Wir haben einen Heimbeirat“, erläutert Peter Grewe, Geschäftsführer des Hauses, „dort sind Bewohner und Angehörige vertreten. Dieser Beirat wird immer gehört und beteiligt.“ Stolz ist das ThomasCarree vor allem auf seine Freizeitangebote, zum Beispiel das öffentliche Bistro und regelmäßige Veranstaltungen und Konzerte, wodurch sich das Haus nach außen öffnet. Grewe lobt in dieser Hinsicht auch die Zusammenarbeit mit der Stadt: „Das klappt sehr gut und ist eine große Hilfe.“

Eine der Bewohnerinnen ist Ute Pinnow. Die 73-Jährige wohnt seit gut einem Jahr im ThomasCarree, nachdem sie durch einen Schlaganfall zum Pflegefall wurde. Das Haus gefällt ihr im Großen und Ganzen: „Die Pfleger und Schwestern sind alle sehr nett und versuchen, jeden Wunsch zu erfüllen.“ Was sie ändern würde? „Das Essen.“ Dieses wird aus einer Großküche geliefert. Eine gute Ausweichmöglichkeit biete das Bistro: „Hier schmeckt es sehr gut. Ich sitze auch gern draußen in der Sonne und lese.“ Mit einem weiteren Bewohner des Hauses verbindet sie inzwischen eine enge Freundschaft.

Auch ihre weiteren Kontakte pflegt Ute Pinnow regelmäßig. Sie geht gern ins Theater und zu Konzerten im Rosengarten oder trifft sich in der Innenstadt zum Essen. Ihre Freunde managen die Begleitung, denn der Rollstuhl ist oft ein Hindernis. Um wieder mobiler zu werden, hat Ute Pinnow eine Reha beantragt. „Vielleicht könnte ich dann ins betreute Wohnen im Haus umziehen und selbst kochen“, hofft sie. Und noch einen weiteren Traum hegt sie: „Ich würde gern wieder reisen. Am liebsten mit dem Flugzeug.“

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