Mannheim

"Wort zum Sonntag": Mannheimer Pfarrerin Ilka Sobottke über die Vesperkirche

Archivartikel

Die Mannheimer Pfarrerin Ilka Sobottke spricht am späten Samstagabend im Ersten nach den Tagesthemen erneut das „Wort zum Sonntag“ (voraussichtlich um 23.55 Uhr). Ihr Thema ist die Mannheimer Vesperkirche. Diese sei ein Signal für Gerechtigkeit und Nächstenliebe, wird Sobottke in einer Mitteilung der evangelischen Kirche vom Donnerstag zitiert. Sobottke ist Studierendenpfarrerin und Pfarrerin der Citykirche Konkordien, in der zurzeit die Vesperkirche stattfindet.

In der Online-Mediathek der ARD ist Sobottkes „Wort zum Sonntag“ bereits vorab verfügbar:

Jedes Jahr im Januar räumen wir unsere Kirche aus: Bänke raus, Tische rein. Jeden Tag ist die Kirche voller Menschen, sie bekommen Mittagessen, Kaffee und Kuchen und wenn sie gehen ein Lunchpaket. Jeden Tag. Vier Wochen lang machen wir in Mannheim Vesperkirche. Vespern –  also Essen und Pause machen. Täglich kommen Hunderte – insgesamt 14.000 Gäste. Wohnsitzlose und Rentnerinnen, Suchtkranke, Menschen mit Behinderung, Haltlose, Verzagte, Sehnsüchtige. Die Tische sind liebevoll gedeckt mit Blumen und Kerzen. Die Leute sollen es schön haben. Seit Monaten sind wir am Vorbereiten.

Meine Kollegin, Pfarrerin wie ich, wir zwei laufen den ganzen Tag in der Kirche  hin und her. Unser Job in diesen Wochen neben dem Organisieren ist vor allem: Zu-Hören und Zu-Trauen. Sechzig Ehrenamtliche arbeiten jeden Tag mit: Jessi steht am Vorspülen. Yannick fährt Teller und Kisten mit Lunchpaketen hin und her. Narmin, Annka und Christel sind bei der Kleiderausgabe. Eine Gruppe Schülerinnen und ältere Leute bedienen die Gäste an den Tischen. Brötchen schmieren, zuhören, spülen, Kuchen aufschneiden. Junge und Alte, alle machen was sie können. Viele spenden begeistert und großzügig: Geld, Kleider, selbstgebackener Kuchen. Immer neue Ideen, um die Vesperkirche zu unterstützen.

Nichts ist bei all dem wichtiger, als dass eine friedliche Gemeinschaft entsteht. Gerade weil viele unserer Gäste tief verletzt sind, traumatisiert, empfindlich. Eine hört Stimmen, fühlt sich verfolgt. Einer rastet aus, flashback. Krieg. Manche sind wütend auf das Leben, manchmal kurz davor um sich zu schlagen. Jeder darf kommen. Unser Vorbild ist Jesus – der die Herzen sieht. Das versuchen wir auch.

In der Vesperkirche soll jeder die passende Hilfe finden: Ärzte, Sanitäter, Sozialarbeiterinnen arbeiten Hand in Hand. Die vom Friseurladen rufen an, ich darf jetzt Termine verteilen für die Gäste. Die mit den kalten Wohnungen, Obdachlose, zerzaust mit wilden Bärten. Der Friseurtermin ist Luxus, für viele das größte Geschenk, sie genießen, wie sie da verwöhnt werden.

An einem der Tische geht es um die große Weltlage: ‚Da ist dieser Irre, der macht was er will und schon muss wieder die ganze Welt Angst haben! Frau Pfarrerin, was sagen Sie denn dazu?!‘ Ich bin beschäftigt mit einem Problem am Nachbartisch: einer droht seine Wohnung zu verlieren. Noch eine Welt in Gefahr.

Ich bin voller Bewunderung für die, die morgens aufstehen, obwohl sie im Park wohnen oder in einer ungeheizten Wohnung; die aufs Amt gehen, obwohl sie krank sind; die arbeiten, obwohl das Geld trotzdem nicht reicht. Es muss ein Ende haben mit der Armut in unserem reichen Land!

Ich liebe diese Zeit in unserer Kirche. Weil sich alles umdreht: die helfen sind am Ende dankbar, weil sie ihr Leben neu verstehen und erkennen, wie viel ihnen geschenkt ist. Und die vermeintlich Armen stehen anderen bei. In der Vesperkirche verdreht sich das oben und unten der Welt. Wie bei Jesus – der hat mit den Armen gelebt und sich manchmal verwöhnen lassen. Und oft genug sitzt da einer und ich ahne, es könnte Jesus selbst sein, schlenkert mit den Beinen, plaudert, und freut sich: der Himmel auf Erden – zumindest für vier Wochen!

Zum Video in der ARD-Mediathek

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