Mannheim

Zeit zum Nachdenken

Archivartikel

Am Sonntag ist Volkstrauertag. Als Kind mochte ich die Sonntage am Ende des Kirchenjahres nicht. Sie sind geprägt von Trauer und Leid. Im Radio und Fernsehen gab es in meiner Kindheit nichts Fröhliches. Das hat sich heute geändert.

Beim Blick in die Programmzeitschriften kann man heute fast nicht mehr erkennen, ob ein besonderer Festtag ist oder nicht. Dabei ist es heute vielleicht wichtiger denn je, dass unser Leben kein beliebiges Allerlei ist, sondern sich durch Abwechslung auszeichnet. Die biblischen Texte, die wir im Laufe eines Kirchenjahres lesen, spiegeln die Höhen und Tiefen unseres Lebens wider.

Am Ende des Jahres, wenn die Tage kürzer werden, bietet es sich an, sich über sein Leben Gedanken zu machen. So ist auch der Spruch für die kommende Woche ein Text, der zum Nachdenken anregt. Geschrieben hat ihn Paulus an die Gemeinde in Korinth: „Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi“ (2. Kor 5,10). Der Satz klingt auf den ersten Blick nur wie eine Drohung, aber es steckt mehr dahinter. Paulus verbindet damit verschiedene Absichten.

Es geht Paulus nicht in erster Linie darum, mit dem Gericht Gottes zu drohen, sondern er will die Menschen in Korinth trösten und ermutigen. Für Paulus ist das Gericht die Chance zum Neubeginn. Warum? Unser Handeln hat Folgen für andere und ob wir wollen oder nicht, treffen wir in unserem Leben Fehlentscheidungen, die dazu führen können, dass wir andere verletzen und ungerecht behandeln.

Bei manchen Menschen führt es dazu, dass sie sich selbst anklagen und sich ihr Leben selbst zur Hölle machen. Dann sind wir selbst zum Richter über unser Leben geworden. Das ist jedoch nicht Gottes Wille. Gott möchte, dass wir frei sind, um auf seine Liebe reagieren zu können.

Im Gericht Gottes wird für Paulus Gottes Liebe offenbar. Aufgrund dieser Liebe wird uns unsere Schuld vergeben. Natürlich kann es Gott nicht gleichgültig sein, was wir tun oder nicht tun. Die Vergebung ist kein Freifahrtschein für jegliches Fehlverhalten, sondern ist die Möglichkeit zur Umkehr. Unsere Fehler und unsere Schuld sind nicht das Ende, sondern der mögliche Neuanfang. Natürlich müssen wir damit rechnen, für unser Fehlverhalten zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Einmal selbst reflektieren

Der Gedanke an das Gericht Gottes, soll uns daran erinnern, dass die Gebote Gottes uns helfen, ein gutes Leben zu führen. Sie sollen uns keine Angst machen, sondern uns wieder auf den richtigen Weg zurückbringen. Die Gebote Gottes sind wie ein Spiegel, in dem ich mein Leben aus der Perspektive Gottes betrachten kann. Mit ihnen kann ich erkennen, was falsch läuft.

Zuletzt hat das Gericht Gottes auch eine entlastende Funktion. Nicht nur ich habe anderen Menschen Leid zugefügt, auch andere haben mir Leid zugefügt. Ich muss ihnen dies nicht nachtragen, sondern kann Gott das, was ich anderen schuldig geblieben bin und das, was sie mir schuldig geblieben sind, anvertrauen. Dies hilft mir, sowohl mit meiner Schuld als auch mit der anderer leichter umzugehen. Gerade am Volkstrauertag ist es nicht nur wichtig, über das Leid und die Trauer nachzudenken, sondern auch über die Versöhnung. Es ist ein Tag, an dem wir uns die Zeit nehmen können, uns und anderen zu verzeihen.

Gerold Stein, Evangelischer Pfarrer im Schuldienst in Hemsbach

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