Mannheim

Cavalluna Gut 6000 Fans in SAP Arena / Kritik an Feuerkulisse

Zu viele Effekte stören starke Pferdeshow

Archivartikel

An einem besteht nach dynamischen 140 Minuten in der SAP Arena kein Zweifel: Wenn ein gigantisches Ensemble von rund 6000 Fans in Mannheim bejubelt wird, haben die Organisatoren der Apassionata-Compagnie „Cavalluna“ nicht nur Pferdefreunden eine „Welt der Fantasie“ eröffnet – auch der Laie staunt Bauklötze. Von Beginn an spürt der Besucher, dass bei „Cavalluna“ Produzenten am Werk sind, die ihr Handwerk in eineinhalb Jahrzehnten im Geschäft bis an den Rand der Perfektion verfeinert haben.

Was sich auch in der beachtlichen Kraft der erzählten Geschichte beweist. Kreativ hat Regisseur Klaus Hillebrecht die Geschichte des vermeintlichen Taugenichts Tahin ersonnen, der in einer dörflichen Gesellschaft aufgenommen wird – und zunächst ebenso eindimensional wie uninteressant dahindümpelt. Bis der schüchterne Trunkenbold plötzlich in einen tiefen Schlaf fällt und dort nicht nur auf die bezaubernd schöne Fee Naia trifft, sondern auch von der Kraft seiner eigenen Fantasie zu kosten lernt.

Salti auf Spaniern

Ob farbenfroh geschmückte Elfen auf Lusitano-Pferden durch das Rechteck traben oder die Trickreiter der Hasta Luego Academy auf Spaniern nimmermüde Salti schlagen: In diesen Minuten wird deutlich, wie vielfältig sich die Leidenschaft zwischen Mensch und Pferd darstellen lässt. Zumal Lichtdesigner Jens Probst das puristisch gehaltene Bühnenbild von Drew Donovan mit Hochfrequenzbeamern mühelos in ein blühendes Paradies verwandeln kann, um es Sekunden später zu einer optischen Wüste zwischen Hier und Nirgendwo zu formen.

Dass bisweilen 20 der insgesamt 57 Pferde ihre Kreise ziehen und dank der präzisen Choreographie von Kenzie Dysli sogar in absoluter Finsternis nicht nur unfallfrei über den Sand galoppieren, sondern Bilder von überragender Poesie formen, überzeugt daher zu Recht selbst Reitsportkenner. Wer dem Rausch der Geschwindigkeit folgen will, muss nur dabei zusehen, mit welcher Grazie Claus Luber im Streitwagen mit seinen Haflingern im Wettstreit durch die Arena reitet. Für die lachenden Gesichter ist neben Esel-Spezialist Laurent Jahan auch das tänzelnde Duo aus Mini-Hengst Charly und Kaltblut Cosmos zuständig – und wer die Piaffe einmal in Perfektion erleben will, muss nur den sensiblen Rotationen von Filipe Fernandes auf dem Rücken seines Friesen-Hengstes folgen. Von der freien Dressur, mit der Pferde-Routinier Bartolo Messina auf sich aufmerksam macht, hat man da noch gar nicht gesprochen.

Ohne Zweifel: Zwischen skurrilen Wendungen wie der Begegnung mit einem magischen Oger, den gymnastischen Höchstleistungen der Akrobaten-Teams und den lateinamerikanischen Variationen des Tanz-Ensembles gibt es kaum etwas an einer Geschichte auszusetzen, die sich am Ende ganz und gar familienfreundlich zum Guten wendet. Außer, dass sie die Fantasie mit ihrer Bilderpracht überreizt. Spätestens dort erreicht das Spektakel seine Grenzen, wo selbst die Pferde bei lodernden Feuerkulissen bisweilen scheuen.

Auch Regina Sirisena, die mit Tochter und Enkel extra aus Wetzlar nach Mannheim gekommen ist, sagt im Gespräch: „Was ich hier für eine Anmut und Vielfalt erlebe, ist unumstritten großartig. Aber wo das Feuer ins Spiel kommt, hört für mich das Verständnis auf.“ Und so verfolgen Tausende begeisterte Augenpaare in der Arena eine Pferdekunst von grenzwertiger Schönheit, die auch mit weniger Pomp in ihrem Wert keinen Deut gelitten hätte.