Mannheim

Zur Tat schreiten!

Archivartikel

Es ist fast Wahlsonntag – würde Jesus wählen gehen? Offen gesagt, weiß ich das nicht. Ich weiß aber, warum ich als Christ auf jeden Fall zur Wahl gehe.

Jesus hat uns das Reich Gottes vor Augen gestellt. Und das ist nicht von dieser Welt. Das Reich Gottes kommt auch nicht durch unser Tun oder ein Parteiprogramm. Tatenlos sollen wir aber auch nicht auf das Reich Gottes warten. Jesus hat gesagt, dass wir uns jetzt schon auf den Weg machen können, zum Reich Gottes. Fangt schon mal an: Mit der Freiheit, die in Nächstenliebe wirksam wird. Mit Gerechtigkeit, die unterschiedslos allen Menschen gilt. Mit Liebe zum Leben, die uns das teilen lässt, was uns geschenkt ist. Mit Miteinander und versöhnter Vielfalt.

Deswegen gehe ich zur Wahl. Weil ich mich als Christ für unser Zusammenleben interessiere. Weil ich als Christ aufgerufen bin, unser Zusammenleben mitzugestalten. Deswegen gefällt mir unsere Demokratie gut. Weil sie mir Gelegenheit gibt, mitzugestalten. Mir und allen anderen.

Weil unsere Demokratie am Wahlsonntag keine Unterschiede macht. „Da ist weder Jude noch Grieche, da ist weder Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau. Denn ihr seid alle eins in Christus Jesus.“ Daran denke ich am Wahlsonntag, wenn ich gemessenen Schrittes in der Wahlkabine mein Kreuz mache. Ich finde es gut, dass am Wahlsonntag die Macht bei den Bürgern liegt. Dass Abgeordnete, Stadträte und Kandidatinnen um meine Stimme werben müssen.

Macht nur geliehen

Ich finde es gut, dass in unserer Demokratie Macht und Gewalt nur auf Zeit verliehen werden. Dass die Macht verteilt wird auf Personen und Institutionen, die sich gegenseitig kontrollieren. Das finde ich in der Bibel wieder: Niemand hat alleine das Sagen. Auch Mose musste einsehen, dass er sogenannte Älteste für seine Leitungsaufgabe braucht. Sogar Petrus muss seine persönlichen Schwächen und Grenzen erkennen und in Konflikten das Konzil fragen. In der Kirche nennen wir das Demut.

Ich finde das gut, dass unsere Demokratie an Recht gebunden ist. Die Zehn Gebote sind ja so etwas wie eine Ur-Kunde der Rechtsstaatlichkeit: Jede und jeder muss sich daran halten, auch Könige und Propheten. Ohne Recht kein Frieden.

Als Christ sehe ich auch, dass nicht alles gut ist, in unserer Stadt, unserem Land und schon gar nicht in Europa. Mir machen die Spaltungen am meisten Sorgen. Pluralismus und Vielfalt müssen für alle Chancen bieten. Wenn Menschen wirtschaftlich oder kulturell abgehängt werden, wenn die Einkommens- und Vermögensverhältnisse sich allzu ungleich darstellen, wenn der Luxus der Einen Niedriglohn und Armut der Anderen bedeutet, wenn wir uns jetzt auf Kosten zukünftiger Generationen der Ressourcen bedienen.

Demokratie ist kein Zustand. Demokratie ist eher ein Projekt. Ein Projekt, das nur durch Mitmachen und Mitwirken funktioniert. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist“, sagt Jesus. Deswegen gehe ich am Sonntag in den Gottesdienst. Und dann gehe ich wählen. Für unsere Stadt und für Europa.

Dekan Ralph Hartmann

Evangelische Kirche

Mannheim