Mannheim

Zweite Chance

Archivartikel

Im Urlaub auf Usedom haben wir das kleine Gartencafé entdeckt. Abseits der großen touristischen Route führt es ein eher stilles, aber höchst individuelles Dasein. Kein Tisch ist wie der andere. Jede Bank, jeder Stuhl hat seine eigene Geschichte. Der Mix aus ausgedienten Betonplatten und Pflastersteinen lässt Kundige erahnen, wo sie in ihrem ersten Leben gebraucht wurden. Die Lampenschirme über der Verkaufstheke waren einmal Konservendosen, ein Teil des Zaunes diente auf Nachbars Anwesen als Stallfenster, wogegen der Fensterrahmen in der Laube gegenüber doch eigentlich einmal ein Fußabtreter war.

Es gefällt mir, was ich sehe. Tisch, Bank, Stuhl, Stallfenster, Fußabtreter hatten längst ausgedient – eigentlich ein Fall für Sperrmüll und Bauschutt. Aber hier haben sie eine zweite Chance bekommen. „Gnitzer Seelchen“ nennt sich dieses Kleinod von einem Gartencafé. Und in der Tat: Diese Mischung aus ausgedienten Möbeln und Baustoffen hat etwas, das man getrost mit „Seele“ umschreiben könnte. Hier hat sich jemand die Mühe gemacht, individuelle Lösungen zu finden. Altes und Ausgedientes wurde nicht einfach durch Neues und Praktischeres ersetzt.

Gealterte Schönheiten

Da ist ein Tisch, dessen ausgeprägte Gebrauchsspuren seiner gealterten Schönheit keinen Abbruch tun, sondern sie eher noch unterstreichen. Eine Kommode hat nicht im Ganzen überlebt, aber ihre Schubladen beherbergen als Wandregale viele andere kleine Einzelstücke. Der gusseiserne Fußabtreter liegt nicht länger auf dem Boden. Er wurde als wunderbares Einzelstück zum Fensterrahmen „umgeschult“ und füllt nun seinen Platz aus als sei er gerade dafür gemacht worden. Wie zufällig lehnen ein paar breitere Bretter an der Wand: „Wir haben hier eine ausgezeichnete Selbstbedienung!“ So wird die Kundschaft an besagte Kuchentheke gelockt, deren Beleuchtung den ausrangierten Konservendosen zu ihrer zweiten Chance verhilft.

Warum mich das so begeistert? Es muss an dem Konzept der zweiten Chance liegen. So etwas wünsche ich mir auch für mich und für viele andere, deren „erstes Leben“ sich nicht mehr fortsetzen lässt, weil sie älter werden, weil Kräfte nachlassen und die Gesundheit nicht mehr mitspielt. Dass man nicht einfach ausgemustert wird, bloß weil man nicht mehr in die Zeit zu passen scheint, dass man nur noch behandelt wird, weil niemand sich die Mühe macht, herauszufinden wo man – wenn auch langsamer oder altmodischer – selbst noch handlungsfähig ist.

Den Einzelfall betrachten

Wem das zu sehr nach Seniorenstift klingt: Wie wäre es, wenn Vorschriften und Richtlinien ebenso dem Konzept der zweiten Chance verpflichtet sein könnten wie all jene, die sie alltäglich zur Anwendung bringen? Wenn wir aufhören könnten, alles ohne Ansehen der Person über den berühmten einen Kamm zu scheren und stattdessen das Gegenteil zum Programm erheben würden: Die Person ansehen und den Einzelfall betrachten? Alles Utopie, höre ich die Skeptiker sagen. Mag sein, denke ich. Aber die kennen weder das „Gnitzer Seelchen“ auf Usedom, noch die Magie jener Laube dort, die den bezaubernden Namen „Kusshaltestelle“ trägt, noch wissen sie, wie gut gerade dort an einem Spätsommernachmittag ein Stück Kuchen schmeckt.

Helmut Krüger, Pfarrer der Erlösergemeinde in Seckenheim

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