Metropolregion

Landgericht Landau

Achteinhalb Jahre Haft wegen Mordes für Messerstecher von Kandel

Archivartikel

Landau.Die Forderungen nach einer härteren Strafe für den Mord an der 15-jährigen Mia kann der Angeklagte Abdul D. im Landauer Landgericht nicht hören. Im ersten Stock verdecken Rollos die Fenster, kein Blick und kein Ton sollen in den Saal dringen. Unten auf der Straße lassen einige Passanten ihrem Unmut freien Lauf. "So einer hat eine härtere Strafe verdient", sagt etwa der 53 Jahre alte Martin Müller, der mit einem Plakat vor dem Gebäude steht. "8,5 Jahre für ein Mord sind eine Schande!", steht dort handgeschrieben. 13 Jahre wären für ihn angememessen gewesen, „unabhängig davon, ob es ein Asylsuchender war“.

Achteinhalb Jahre Gefängnis wegen eines Mordes mit einem Brotmesser - begangen in einem Drogeriemarkt im südpfälzischen Kandel, kurz nach Weihnachten. Das mit Spannung erwartete Landauer Urteil kommt am Montag per E-Mail, denn der Richterspruch fällt hinter verschlossenen Türen. Abdul D. war zum Tatzeitpunkt möglicherweise minderjährig, daher wird der Prozess gegen Mias vermutlich aus Afghanistan stammenden Ex-Freund nach Jugendstrafrecht geführt. Und das heißt: ohne Publikum.

Sein Mandant habe gefasst reagiert und akzeptiere das Urteil, sagt Anwalt Maximilian Endler. Der Verteidiger des Angeklagten beschrieb das Verfahren nach dem Urteilsspruch als „sehr belastend“. Der Fall „gehe einem sehr nah“. Der Strafverteidiger rechnet damit, dass Abdul D. nach Verbüßen einer Teilstrafe nach Afghanistan abgeschoben wird.

Draußen vor dem Gericht patrouillieren an diesem trüben Septembertag Sicherheitskräfte, im Gebäude wachen Ordner. Lange vor dem Urteil sind Polizisten und Journalisten in Landau eingetroffen. Die Unruhe ist fast mit Händen zu greifen. An der Seite des imposanten Landgerichts, das baulich dem Justizpalast in München nachempfunden ist, stehen Absperrgitter. Hinter dem Gebäude parken Mannschaftswagen der Polizei. "Die müssen ja wirklich Angst vor uns haben", sagt ein älterer Radler, als er kopfschüttelnd vorbeifährt.

Wiederholt war Kritik laut geworden, der hinter verschlossenen Türen geführte Prozess widerspreche dem öffentlichen Interesse an dem Fall. Rechtsexperten wie die Anwältin Jenny Lederer weisen dies zurück. "Es ist zu kurz gedacht, wenn man das Bedürfnis der Öffentlichkeit befriedigt, aber den Folgen für die Weiterentwicklung des Angeklagten - und damit auch für die Gesellschaft, in die es den Menschen wieder einzugliedern gilt - nicht ausreichend Rechnung trägt", sagt Lederer, Mitglied des Strafrechtsausschusses des Deutschen Anwaltvereins. Jungen Angeklagten sollte die bei öffentlicher Verhandlung drohende Bloßstellung mit den daraus erwachsenden Nachteilen für ihre persönliche, soziale und berufliche Entwicklung erspart bleiben.

Mit dem Urteil von Landau wird ein Verbrechen juristisch aufgearbeitet, das bundesweit für Entsetzen gesorgt hat und in den Sog des Streits über die deutsche Flüchtlingspolitik geriet.

Am Mittag des 27. Dezember 2017 traf Abdul D. in einem Drogeriemarkt in Kandel auf seine Ex-Freundin Mia. Sieben Mal, so ermittelte es die Staatsanwaltschaft, stach er zu - aus Eifersucht und Rache, wie die Anklagebehörde glaubt. Das Gericht verurteilt den Beschuldigten nach Jugendstrafrecht: wegen Mordes an Mia und zudem wegen Körperverletzung, weil Abdul D. einen Freund Mias geschlagen hatte.

Abdul D. war 2016 als minderjähriger unbegleiteter Flüchtling eingereist. Sein Asylantrag wurde abgelehnt. Als Mia sich von ihm trennte, soll er sie bedroht haben. Die Eltern erstatteten Anzeige.

Seit dem Verbrechen sind acht Monate vergangen - eine Zeit, die von zahlreichen Kundgebungen in Kandel überschattet wurde. Rechte Gruppierungen nutzten die Tat zur Agitation in dem Ort - gegen den Willen vieler Bürger. "Kandel hasst Nazis" steht in der Stadt rund 20 Kilometer südlich von Landau an einer Wand. "Die Außendarstellung ist verheerend. Das hat Kandel nicht verdient", sagt ein Mann, der am Bahnhof der etwa 9000 Einwohner zählenden Stadt steht. "Ein solches Verbrechen ist sehr grausam. Es geschieht leider auch anderenorts." Ein Ehepaar, das namentlich nicht erwähnt werden will und früher in Kandel gewohnt hat, erklärt am Montagvormittag, dass es bei den Demonstrationen, die immer wieder in dem Ort stattfinden, schon lange nicht mehr nur um den Mord an Mia gehe. "Wir hoffen, dass bald Ruhe einkehrt." Eine Frau Mitte 50 ist davon noch nicht überezeugt: "Ich glaube nicht, dass die Demos nun nach der Urteilsverkündung aufhören", befürchtet sie. Das Strafmaß von acht Jahren sei ihrer Meinung nach gerecht.

Abdul D. droht eine weitere Strafe. Bei einem nicht näher bekannten Vorfall im Gericht soll er im August zwei Beamte an der Hand verletzt haben. Und in Kandel ist für Oktober die nächste Demonstration angekündigt.

Trotzdem werten viele das Urteil als Chance. Zum einen für Abdul D., der noch jung ist und nicht lebenslang in Haft muss. Zum anderen für die Bürger von Kandel, die das Trauma der Bluttat jetzt vielleicht verarbeiten können. Vor allem aber für die Eltern von Mia, deren Schmerz grenzenlos sein muss. Sie sind in der Trauer um ihr Kind nun hoffentlich ungestört. Der Prozess war eine juristische Aufarbeitung - die Tat emotional zu verkraften, wird aber noch Zeit brauchen. (dpa/mig/obit)

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