Metropolregion

Asiatischen Tigermücken in der Region auf der Spur

Archivartikel

Weinheim/Ludwigshafen.Eine offene Regentonne, mehrere vollgelaufene Topfuntersetzer und ein Sammelsurium von Gießkannen - keine Frage, auf dem Grundstück der Familie Theobald im baden-württembergischen Weinheim (Rhein-Neckar-Kreis) würden sich Asiatische Tigermücken wohl fühlen und ihre Eier ablegen. Im Gegensatz zur Rheinschnake, die im Wesentlichen in Überschwemmungsgebieten vorkommt, bevorzugt die Tigermücke künstliche Wasserbehältnisse als Brutstätte. Vor einem Jahr will die Tochter des Hausbesitzers Hermann Theobald dort ein Exemplar des aus Südostasien stammenden Insekts gesehen haben.

Das hat Mückenjägerin Gabriele Stadler von der Icybac, einer Tochter der Kommunalen Aktionsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (Kabs), auf den Plan gerufen. Das Kabs-Einsatzgebiet reicht vom Kaiserstuhl im Süden bis Hessen und zum rheinland-pfälzischen Bingen im Norden. Für ihre Bestandsaufnahme muss Stadler über die Aussagen der Hausbewohner hinaus ein Foto oder die nach ihrer schwarz-weißen Musterung benannte Tigermücke selbst in die Hand bekommen. Bei den Theobalds findet sie wie im vergangenen Jahr keine Spur von dem Blutsauger. Sie verlässt den idyllischen Garten aber erst, nachdem sie ihn "tigermückenfest" gemacht hat.

Das von ihr und ihrem Team betreute Gebiet in der Weinheimer Weststadt hat sich von 20 Hektar (2019) in diesem Jahr mehr als verdreifacht. "Von Plage wie in Südbaden kann man aber hier noch nicht sprechen, die einzelnen Funde sind noch weit gestreut", erläutert Stadler. Ihr Motto: "Wehret den Anfängen." In erster Linie geht es im Kampf gegen die Mücken um das Vermeiden unnötiger Wasseransammlungen. "Hier ist die Mithilfe der Bevölkerung notwendig", sagt Norbert Becker von der Gesellschaft zur Förderung der Stechmückenbekämpfung in Speyer, einer weiteren Tochter der Kabs.

Die auch tagsüber stechlustige Tigermücke ist nicht nur ein Plagegeist. Sie ist auch ein potenzieller Überträger von Krankheitserregern, etwa des Dengue-, Zika- oder Chikungunya-Virus. Die Infektion mit dem Zika-Virus wird für eine von geistigen Einschränkungen begleitete Schädel-Deformation von Föten und Neugeborenen verantwortlich gemacht. Vor allem aus Brasilien sind Fälle bekannt.

Eine Ansteckung über die Tigermücke hierzulande hängt aber von vielen Bedingungen ab, wie Susanne Glasmacher vom Robert Koch-Institut erläutert. Erst müsste ein Reisender den Erreger mitbringen und von einem Blutsauger gestochen werden. In diesem müsste sich dann der Erreger bei hohen Temperatur vermehren, so dass er beim Stich eines anderen Menschen übertragen wird. "Das ist nicht unmöglich, aber unwahrscheinlich", meint Glasmacher. In Südfrankreich habe es schon einzelne Fälle von Dengue-Fieber gegeben. Auch mit Blick auf die Klimaerwärmung sei die Bekämpfung wichtig. "Man muss vermeiden, dass sich ein neuer Überträger in Deutschland etablieren kann."

Auch das pfälzische Ludwigshafen verstärkt den Kampf gegen das Insekt. "Corona-Viren werden von Stechmücken nicht übertragen. Allerdings wird die Entwicklung der Mücke durch die Klimaextreme begünstigt - zum Beispiel durch hohe Temperaturen", teilt die Stadt mit. So können über der Wasseroberfläche abgelegte Eier auch den Winter überstehen. Die Stadt und das Gesundheitsamt bitten die Bürger um Unterstützung vor allem im Neubaugebiet Melm. Die dortigen Haushalte werden mit einem Faltblatt und einer Packung sogenannter Bti-Tabletten zur Behandlung möglicher Brutstätten versorgt.

Icybac-Projektleiterin Stadler nimmt die Grundstücke lieber selbst in Augenschein. Sie checkt etwa, ob im Schaft des Sonnenschirms Wasser steht, sein wasserbefüllter Fuß Risse hat oder ob sich in hohlen Zaunpfosten Feuchtigkeit angesammelt hat. In diesen Fällen kommt der biologische Wirkstoff Bacillus thuringiensis israelensis (Bti) in einer Sprayflasche mit Wasser gelöst zum Einsatz. "Dieses Eiweißkristall ist unbedenklich für Hund, Katze, Maus und Menschen, für die Mückenlarven aber tödlich", sagt die Geografin mit Schwerpunkt Biologie. Behandeltes Wasser kann weiter verwendet werden. Auch Insektenfallen hat sie dabei, dunkle, mit Wasser befüllte Plastiktöpfe zum Anbringen in Gebüschen und Bäumen. Ein Holzstab lädt die Weibchen zur Ablage der Eier ein. Das erleichtert Stadler, diese zu entfernen.

Wie gelangen die Exoten nun nach Süddeutschland? Im weltweiten Maßstab durch die Importe von "Happy Bamboos", erzählt Stadler. Die dekorativen Pflanzen sehen dem Bambus ähnlich, gehören aber zu den Drachenbäumen und brauchen für den Transport Wasser. Auch der weltweite Handel mit alten Autoreifen, in denen Wasser abgelagert ist, hat Stadler zufolge den Tigermücken den Weg nach Europa geebnet. Verbreitet sind sie bereits in Italien, Frankreich und der Schweiz. Von Italien kommen sie als blinde Passagiere in Fahrzeugen, insbesondere auf der Autobahn 5, nach Deutschland.

Nicht überall sind Stadler und ihre Kollegen so willkommen wie im Haushalt der Theobalds. Es tauchen auch Gauner als Trittbrettfahrer auf, die für den eigentlich kostenlosen Service Geld verlangen. Deshalb hat die 48-Jährige immer ein Nachweis der Stadt dabei. Gartenbesitzer Theobald jedenfalls ist dankbar für den Einsatz der Mückenjäger: "Wenn derartige Insekten hier auftauchen, ist es ja schön, wenn man etwas dagegen tun kann."