Metropolregion

Verkehr Nach tödlicher Verfolgungsjagd erklärt Polizeigewerkschafter das Verhalten der Streifenbeamten / Haftbefehl gegen Fahrer

„Da muss man handeln“

Archivartikel

Heppenheim.Nur noch ein blauer Klumpen Schrott – mehr ist von dem Auto einer Familie aus Düsseldorf nicht mehr übrig. In diesem Wagen ist eine 39-jährige Frau gestorben, weil ein 18-Jähriger vor einer Polizeikontrolle auf der A 5 geflohen war (wir berichteten). Der junge Mann prallte am Sonntag mit seinem Wagen gegen das an einem Autobahnparkplatz stehende Fahrzeug und verletzte dabei die Mutter so schwer, dass sie später im Krankenhaus verstarb. Der zehnjährige Sohn wurde Angaben der Polizei zufolge auch verletzt, konnte das Krankenhaus mit seinem Vater aber wieder verlassen. Dieser war auf dem Parkplatz „Fuchsbuckel“ bei Heppenheim auf der Toilette gewesen, als der Unfall geschah.

Nach Behandlung ins Gefängnis

Gegen den ebenfalls schwer verletzten Unfallfahrer erließ das Amtsgericht Darmstadt Haftbefehl. Ermittelt werde wegen gemeingefährlichen Mordes, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft mit. Nach dem Unfall ordnete die Staatsanwaltschaft eine Blutprobe an. Der junge Mann hat zudem keinen Führerschein. Er befinde sich laut Polizei weiter im Krankenhaus. Nach Abschluss der stationären Behandlung soll er in ein Gefängnis gebracht werden.

Ihren Anfang fand die Verfolgungsjagd auf der A 5 beim südhessischen Bensheim. Der 18-Jährige, so die Polizei, war mit einem abgelaufenen Kurzzeitkennzeichen unterwegs. Solche Kennzeichen werden oft für Probefahrten vergeben. Die Zivilstreife gab ihm Signale zum Anhalten – er missachtete sie. Und raste weiter nach Süden. Dann bog er auf den Parkplatz ab und krachte in das Familienauto. Durch die Wucht des Aufpralls wurde es auf einen weiteren Wagen geschoben, in dem keine Menschen saßen.

Wie läuft eine polizeiliche Verfolgungsjagd ab? War es nötig, dem Mann hinterherzufahren? „Generell sollte man immer hinterherfahren“, sagte gestern Stefan Rüppel, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, auf Anfrage. „Sonst würde niemand auf die Zeichen der Polizei hören – und einfach weiterfahren.“ Die Polizisten vor Ort melden der Leitstelle, wenn ein Fahrer flüchtet, und fordern Verstärkung an, so Rüppel. Hier habe es sich aber um Minuten gehandelt – die Verstärkung konnte also noch gar nicht eintreffen. „Die Einsatzkräfte haben dann die schwere Arbeit, dranzubleiben und immer Rückmeldung an die Leitstelle zu geben.“

Auf der Autobahn ist Rüppel zufolge eine Verfolgung normalerweise ungefährlich. „Das hat hier nur leider besonders tragisch geendet – die Beamten konnten nicht damit rechnen, dass der Mann ungebremst auf einen Parkplatz abfährt.“ In der Innenstadt hätte der diensthabende Polizeiführer die Verfolgung vermutlich abgebrochen. Dieser entscheide in solchen Momenten. Wenn eine Verfolgung für die Beamten oder andere Verkehrsteilnehmer gefährlich werde, breche er das Ganze ab. „Und wenn der Einsatz länger dauert, gibt es Alternativen, um denjenigen zu stoppen“, sagte Rüppel. „Etwa mit einem Nagelgurt oder einem künstlich erzeugten Stau.“

Um das Risiko einer Verfolgungsjagd einzugehen, sollte es einen guten Grund geben, sagte Rüppel. Dieser sei gegeben, wenn so möglicherweise Straftaten, die unmittelbar bevorstehen, verhindert werden oder bereits eine begangen wurde. „Das abgelaufene Kennzeichen ist ein Straftatbestand. Man weiß zudem nicht, wer in dem Auto vor einem sitzt und warum er sich der Kontrolle entzieht – da muss man handeln.“

Das haben die Streifenpolizisten getan – und mussten das tragische Ende miterleben. „Im Normalfall wird dann der zentrale psychologische Dienst der Polizei hinzugezogen, um die Beamten zu betreuen“, erklärte Rüppel. Ob das nach dem schweren Unfall in Heppenheim geschehen ist, konnte er allerdings nicht sagen. (mit dpa)

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/region

Zum Thema