Metropolregion

BASF-Prozess Angeklagter erinnert sich nur bruchstückhaft an den Unglückstag / Aussage zu Leitungsverlauf lässt aufhorchen

„Denke, es war das richtige Rohr“

Frankenthal.„Ich habe mich eine Million Mal gefragt, wie es dazu kommen konnte – aber ich habe keine Antwort“, sagt der kleine Mann auf der Anklagebank und nimmt seine Brille ab. Zum ersten Mal berichtet der angeklagte Schlosser im Frankenthaler Prozess um die BASF-Explosionskatastrophe vom Unglückstag – der sein Leben „kaputt gemacht“ hat. Nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft hat der 63 Jahre alte Arbeiter am 17. Oktober 2016 im Rohrleitungsgraben versehentlich eine falsche Pipeline angeschnitten und so das Inferno mit fünf Toten und 44 Verletzten ausgelöst. Fragen nach dem Hergang des Unglücks beantwortet der Flexer nur bruchstückhaft. Dabei verschwimmen seine wenigen Erinnerungen immer wieder mit Informationen aus den Akten oder mit Berichten von Zeugen und Arbeitskollegen.

63-Jähriger stand in Flammen

„Sie sind in Brand geraten und ihr Kollege hat Sie gelöscht, wissen Sie das noch?“, hakt der Vorsitzende Richter Uwe Gau nach. Der kleine Mann zuckt mit den Schultern – „er hat es mir erzählt. Erinnern kann ich mich nicht daran.“ Erst als man ihn unter eine kalte Dusche gestellt habe, sei er kurz zu sich gekommen. „Dann war ich wieder im Schock.“ Erst im Krankenhaus setze seine Erinnerung wieder ein. Damals sei er sich nicht bewusst gewesen, dass er selbst für die Katastrophe verantwortlich sein könnte.

„Mein Kopf ist blockiert. Das Unglück hat mein Leben zerstört.“ Als die Richter weiter nachfragen, um dem Mann mit der Brille irgendeine Erinnerung zu entlocken, flüstert er schließlich: „Ich denke, ich war am richtigen Rohr. Mein Chef hatte das Stück vorne und hinten markiert, da konnte ich eigentlich keinen Fehler machen.“ Experten halten ein Augenblicksversagen für möglich.

Alexander Klein, der die Eltern eines getöteten Feuerwehrmanns vertritt, überzeugen die Erinnerungslücken des Mannheimers nicht. Er erwägt ein psychiatrisches Gutachten, um zu klären, ob dieser glaubwürdig ist. „In der modernen Aussagepsychologie gilt es als unwahrscheinlich, dass die Erinnerung an schreckliche Ereignisse gelöscht wird. Man geht eher davon aus, dass sie sich ins Gedächtnis der Betroffenen einbrennt.“ Eine Aussage lässt die Beteiligten allerdings aufhorchen. So erzählt der Schlosser – der vor dem Unglück an derselben Leitung nur an einer anderen Stelle im Rohrgraben gearbeitet hatte – dass die Pipeline ihren Verlauf ändert und am Unglücksort andere Nachbarleitungen hat, als an der ersten Baustelle. Das klingt für den TÜV-Gutachter „durchaus plausibel“ und lohne eine nähere Untersuchung. Je nach den Erfordernissen – Trassengegebenheiten oder Zu- und Ableitungen von Betrieben – änderten Leitungen in Chemiefabriken tatsächlich ihren Verlauf. Eine besondere Kennzeichnung sei deshalb nicht nötig. „Das würde eine Verwechslung aber leichter möglich machen, oder?“, hakt Klein nach. „Ja sicher.“

Wo lagen die Brandschutzdecken?

Viele Fragen haben Richter und Anwälte auch zu den Brandschutzdecken, die bei Flex-Arbeiten die benachbarten Leitungen vor Funken schützen sollen. „Es steht in den Feuerscheinen, dass man die Decken über alle Nachbarrohre legen muss und das habe ich auch immer gemacht – normalerweise.“ Ob es am Unglückstag auch so war, kann der Schlosser nicht beantworten. Klein hält das für unwahrscheinlich: „Sie hätten ja wohl nicht in eine abgedeckte Leitung geschnitten, ohne es zu merken oder?“ Unverständnis äußert der Anwalt darüber, dass der Angeklagte bisher noch keine Silbe des Mitgefühls für die Opfer verloren hat. „Meine Mandanten warten seit zweieinhalb Jahren darauf.“