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Rauschgifthandel im Darknet Landgericht Landau befasst sich in Revisionsprozess erneut mit dem Onlineshop „Chemical Love“

Drogenmillionen bleiben unerreichbar

Archivartikel

Landau.Schüchtern nickt Nicolas K. seiner Familie im Zuschauerbereich zu, als er an Händen und Füßen gefesselt in den Verhandlungssaal geführt wird. Zwei Jahre ist es her, dass der Chef des einst bundesweit größten Online-Shops für Drogen „Chemical Love“ vom Landauer Landgericht zu 15 Jahren Haft verurteilt worden ist. Seit Dienstag steht der Sohn eines ehemaligen Stuttgarter Fußballprofis erneut vor Gericht. Um die verhängte Haftstrafe geht es bei der neuen Verhandlung nicht, sondern um zehn Millionen Euro, die K. an der Staat zahlen soll.

So viel hatte der 33-Jährige nach Feststellung des Gerichts mit seinem professionell organisierten Internet-Kaufhaus für Kokain und Co. im Darknet verdient, und zwar in Form der Internetwährung Bitcoin. Da der Bundesgerichtshof (BGH) das Urteil in Teilen aufgehoben hatte, muss nun die Dritte Strafkammer des Landgerichts prüfen, ob die Einziehung der generierten Gewinne rechtmäßig ist. Zudem hat der BGH die angeordnete Unterbringung des Chemical-Love-Chefs in einer Entziehungsklinik infrage gestellt.

Statt im Edelpolo wie im ersten Prozess erscheint der junge Mann im hellblauen Hemd. Und statt der Lausbubenlocken trägt er einen rasierten Fußballer-Haarschnitt. Zwei Jahre nach seiner Verurteilung erzählt der mittlerweile 33-jährige Nicolas K., dass er in der JVA geheiratet und wegen seiner Schulden den Offenbarungseid geleistet hat.

In Haft rückfällig geworden

Außerdem wolle er unbedingt eine Therapie machen: „Das Suchtverhalten in der JVA ist zwar begrenzt, der Koks rieselt ja nicht von den Decken, aber der Suchtdruck ist da und wenn ich was kriege, nehm’ ich es.“ Schon während der ersten Verhandlung in Landau sei er rückfällig geworden: „Ich sage es ganz ehrlich, ich war im Prozess drauf. In der U-Haft habe ich Ecstasy, Koks – eben das ganze Programm – genommen, was in der JVA so rum schwirrt.“ Nach den Verhandlungstagen sei er mehrfach positiv auf Drogen getestet worden. Im Grunde wolle er mit dem Rauschgift-Konsum aber aufhören: „Immer wenn ich Substanzen nehme, ändert sich bei mir was. Eigentlich bin ich ein netter Junge, aber kaum sind Drogen im Spiel, kommen Dummheiten in meinen Kopf.“ Sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung streben nun eine Unterbringung des 33-Jährigen in einer Suchtklinik an.

Was die generierten Gewinne angeht, so hatte der BGH moniert, dass die Landauer Richter in ihrem Urteil vom Wert der Kryptowährung zum Zeitpunkt des Prozesses ausgegangen sind. Tatsächlich hätte man aber berücksichtigen müssen, wann die Bitcoins verdient worden sind.

Zahlungsverkehr läuft anonym

Staatsanwalt Benjamin Köhler von der Generalstaatsanwaltschaft in Koblenz geht von 1,75 Millionen Euro aus, die der 33-Jährige dem Staat schuldet. Obwohl auf einem virtuellen Konto noch 422 Bitcoins liegen – einer ist derzeit 9000 Euro wert. „Aber wir können nur sehen, dass sie da sind, weil die elektronischen Geldbörsen gut geschützt sind und wir kein Passwort haben. Ich rede seit Monaten mit dem Verteidiger, aber der Angeklagte bleibt dabei, dass er keinen Zugangscode für das Konto hat.“ Irgendjemand müsse ihn indes haben: „Während des ersten Prozesses sind 300 Bitcoins abgeflossen.“ Wohin, wisse niemand. Schließlich laufe der virtuelle Zahlungsverkehr völlig anonym.

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