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Prozess um BASF-Unglück Leiharbeiter aus Mannheim steht wegen fahrlässiger Tötung vor dem Frankenthaler Landgericht

„Ein schwerer Gang für alle“

Frankenthal.Mit geschlossenen Augen wendet sich einer der Nebenkläger vom Blitzlichtgewitter ab. Kurz darauf verlässt der Feuerwehrmann mit seinen Kollegen den Gerichtssaal. Er kehrt erst zurück, als der Prozess um das BASF-Unglück beginnt und keine Fernsehteams und Fotografen mehr im Raum sind. Mehr als zwei Jahre nach dem Feuerdrama mit fünf Toten und 44 Verletzten stehen sich im Saal 20 des Frankenthaler Landgerichts jene Menschen gegenüber, für die nach der Explosionskatastrophe nichts mehr so ist, wie es war.

Angeklagt ist Andrija K., der sich wegen fahrlässiger Tötung, Körperverletzung und Herbeiführung einer Sprengstoffexplosion verantworten muss. Dem Mannheimer gegenüber sitzen die Eltern eines getöteten Feuerwehrmannes, eine Witwe und drei am 17. Oktober 2016 im Landeshafen Nord schwer verletzte Mitglieder der BASF-Werkfeuerwehr. „Es ist für Sie alle ein schwerer Gang “, weiß der Vorsitzende Richter Uwe Gau um die schmerzliche Aufarbeitung des Unbegreiflichen.

„Nicht nachvollziehbare Gründe“

Die Ergebnisse der Ermittlungen fasst Oberstaatsanwalt Dieter Zehe in der Anklage zusammen. Die geht davon aus, dass Andrija K. als Mitglied eines Arbeiter-Trupps bereits einige Tage im Landeshafen Nord mit dem Austausch einer Rohrleitungsbrücke beschäftigt war. Am Morgen des Unglücks hätte er nach dem vollständigen Abtrennen der einen Brückenseite auf einen Kran warten sollen, der die abgeschnittene Leitung stützen sollte, so dass diese gefahrlos an der anderen Seite abgeflext werden kann. „Aus nicht nachvollziehbaren Gründen hat er aber nicht gewartet, sondern mit seiner Arbeit weitergemacht“, trägt Zehe vor. „Aus Unachtsamkeit“ habe der 63-Jährige seinen Trennschleifer nicht an der entleerten und gesicherten Leitung angesetzt, sondern an „Rohr Nummer 164“, das mit einem leicht entzündlichen Gasabfallgemisch aus Buten gefüllt war.

„Da der Schnitt seitlich angesetzt wurde, trat das Gemisch mit hohem Druck aus und entzündete sich sofort an den durch den Trennschleifer verursachten Funken.“ Das brennende Gas habe die direkt danebenliegende Ethylenfernleitung so stark erhitzt, dass diese sechs Minuten nach dem fatalen Schnitt explodierte und andere Leitungen im Rohrgraben beschädigte, was weitere Explosionen zur Folge hatte. „Dadurch wurde die Ethylenleitung weiter aus ihrer Verankerung gerissen und prallte aufgrund des großen Drucks gegen das Feuerwehrfahrzeug, das kurz zuvor am Unglücksort eingetroffen war“, schildert Zehe die verheerende Kettenreaktion.

Das ausströmende Gas habe sich nur neun Sekunden später am heißen Turbolader des Löschwagens entzündet, was eine erneute heftige Explosion zur Folge hatte. Zwei Feuerleute wurden sofort am Unglücksort getötet, zwei weitere erlitten so schwere Verletzungen, dass sie später in der Unfallklinik starben. Der Matrose eines Tankschiffes, der beim Löschen helfen wollte, sei ins Wasser geschleudert worden und dabei ums Leben gekommen.

Auch Andrija K. – der sich nicht an die Tragödie erinnert, sie aber sehr bedauert – wurde schwer verletzt. Wie Zehe schildert, ist der Schweißer aufgrund der psychischen Beeinträchtigungen nicht mehr arbeitsfähig. Vor Gericht will der Mann im schwarzen Pullover vorerst schweigen. Die Anklage wirft ihm vor, dass er hätte erkennen müssen, was passiert, wenn er den Trennschleifer an einer gefüllten Gasleitung ansetzt.

Moralische Mitschuld

Für Nebenkläger Alexander Klein, der die Eltern eines getöteten Feuerwehrmannes vertritt, ist die Kennzeichnung der Leitungen im 20 Meter breiten Rohrgraben eine zentrale Frage des Prozesses: „Man muss klären, wie leicht dem Angeklagten das Verwechseln gemacht worden ist.“ Möglicherweise hätten sich Weisungsbefugte nicht an die ohnehin schon unzureichenden Auflagen gehalten. Eine „moralische Mitschuld“ der BASF sieht Klein in jedem Fall. Seine Mandanten hätten ihr einziges Kind verloren. Kleins Kollege Jan Schabbeck geht nicht von einer Mitverantwortung des Chemieriesen aus. „Meine Mandanten wollen nur erfahren, was tatsächlich passiert ist.“ Heute werden die verletzten Mitglieder der Werkfeuerwehr das Unglück aus ihrer Sicht schildern.