Metropolregion

Urteil 86-Jähriger erstickt seine demenzkranke Ehefrau mit Plastiktüte und muss wegen Totschlags zweieinhalb Jahre ins Gefängnis

„Familiäre Tragödie“ vor Gericht

Frankenthal.Es ist die traurige Geschichte einer außergewöhnlichen Liebe, die in einem Prozess wegen Totschlags vor dem Landgericht Frankenthal erzählt werden muss. Im Mittelpunkt steht ein zerbrechlicher 86 Jahre alter Mann, der auf einen Rollator gestützt in den Verhandlungssaal kommt. 65 Jahre war der Speyerer mit seiner Frau verheiratet, jahrelang hat er die Demenzkranke gepflegt, bis er sie im Januar tötete – aus Liebe und Mitleid. „Ich wollte, dass sie friedlich einschläft und mich hinterher selbst töten“, erzählt er mit brüchiger Stimme. Vor langer Zeit habe man sich versprochen, selbstbestimmt aus dem Leben zu scheiden, falls ein würdiges Dasein nicht mehr möglich sei.

Die Richter sehen die familiäre Tragödie und sprechen wegen eines minderschweren Falls eine Strafe von zwei Jahren und sechs Monaten aus, was der alte Mann gefasst aufnimmt. Die Staatsanwaltschaft hatte auf drei Jahre und drei Monate plädiert, die Verteidigung hielt zwei Jahre auf Bewährung für angemessen.

„Die Anklage stimmt im wesentlichen“, lässt der 86-Jährige über seinen Verteidiger Jan Fritz erklären. Er habe seine Frau wie immer ins Bett gebracht, ihr Schlaftabletten gegeben und ihr anschließend eine Plastiktüte über den Kopf gezogen. Den Ermittlungen zufolge erstickte die Frau. Der 86-Jährige konnte indes gerettet werden, weil die Tüte bei ihm nicht ganz über Mund und Nase reichte. „Das war aber nicht so geplant“, betont er. Auch das in der Anklageschrift verwendete Wort „aufgebahrt“ will der ehemalige Betreiber einer Kfz-Werkstatt nicht so stehenlassen. Die gefalteten Hände über der Bettdecke seien die „übliche Einschlafposition“ gewesen. „Ich wollte damit nicht zum Ausdruck bringen: Endlich ist es vorbei“, sagt er bestimmt.

Mit Pflege überfordert

Der 64 Jahre alte Sohn des Angeklagten spricht von einem „normalen Verhältnis“ zu seinem Vater – vor der Tat. Wie es aktuell ist, möchte er nicht beantworten. „Für meinen Vater war es selbstverständlich, dass er meine schwerkranke Mutter daheim selbst versorgt“, erklärt er im Zeugenstand. „Er ist ein Sturkopf, hat keine Hilfe angenommen und wollte nicht, dass fremde Personen seine Frau pflegen.“ Allerdings habe er Anfang des Jahres selbst gesagt, dass er überfordert sei. Zwei Tage vor der Tat habe man sich deshalb gemeinsam ein Seniorenzentrum angesehen. „Es gab ein Apartment mit Küche im betreuten Wohnen für ihn und einen Vollpflegeplatz für meine Mutter.“ Die 83-jährige Frau war laut Gutachten der Krankenkasse in Pflegestufe 5 eingruppiert, was pro Woche einen Pflegeaufwand von 100 Stunden umfasst.

Für den Ehemann war ein Heim aber keine Option: „Meine Frau sollte ein liebevolles Zuhause haben und nicht mit fremden Leuten herumsitzen und die Wand anstarren“, sagt der Rentner energisch. Um in der Speyerer Eigentumswohnung zurechtzukommen, konstruierte der handwerklich geschickte Mann aus Stahlrohren ein professionelles Bettgitter sowie einen Flaschenzug, mit dem er die geistig und körperlich stark eingeschränkte Partnerin aufrichten und aus dem Bett heben konnte. „Ich habe meine Frau in den Rollstuhl gesetzt und sie immer zum Einkaufen mitgenommen. Meistens hat sie sich im Laden Obst aus dem Regal genommen und es aufgegessen, obwohl ich ihr gesagt habe, dass sie das nicht darf. Aber das hat sie nicht mehr verstanden.“ Als leidenschaftlicher Koch habe er ihr viele Leckereien zubereitet. „Das hat sie gefreut, das konnte ich spüren.“ Eine enge Freundin der Familie beschreibt den Umgang des Ehepaares miteinander als „sehr liebevoll“. Mit einem Schmunzeln sagt der 86-Jährige: „Sie war ein flottes Mädchen, und ich habe ihr jeden Tag eine Rose gebracht.“

Abschiedsbrief gefunden

„Nach der Besichtigung des Altenheims ist ihm die Sache über den Kopf gewachsen, weil ihm bewusstgeworden ist, dass er die Pflege nicht mehr leisten kann“, sagt ein Kriminalkommissar vor Gericht. „Ich habe meiner Frau an jenem Abend erklärt, dass ich nun das tun werde, was wir uns vor Jahren versprochen haben“, erklärt der Angeklagte.

Verteidiger Fritz sieht darin keine menschenverachtende Gesinnung, sondern „den Ausdruck einer Liebe, die 65 Jahre gehalten hat“.