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"Findelkinder" müssen mit Flasche aufgezogen werden

Archivartikel

Gaiberg.Die beiden Rehkitze „Gretel“ und „Wilhelm“ werden nicht mehr von ihrer Rehmutter, sondern von Anne Steffen (58) fürsorglich mit der Flasche großgezogen - doch weder bei Wilhelm noch bei Gretel handelt es sich um Waisen. Während Kinder das weibliche Kitz in Rauenberg am Wegesrand fanden und es mit nach Hause nahmen, ist Wilhelm von einer Familie in der Pfalz entdeckt und ebenfalls heimgetragen worden. Obwohl im Anschluss zuständige Förster informiert worden sind, ist dieses Eingreifen des Menschen falsch und äußerst bedenklich, teilt Ralph Steffen (52), Forstwirt und stellvertretender Kreisjägermeister des Heidelberger Jägervereinigung mit.

Doch wie verhält man sich in diesem Fall richtig? „Finger weglassen“, betont Steffen. Gegebenenfalls solle man beim Auffinden eines Kitzes ein größeres Areal um dieses absichern, um zu verhindern, dass sich ihm beispielsweise Hunde nähern. Dann sollten schnellstmöglich Jagdpächter oder die Gemeinde gerufen werden. „Im Zweifelsfall kann man sich auch an die Polizei wenden, die dann den richtigen Ansprechpartner vermittelt“, informiert Steffen. Meist befinde sich das Muttertier in der Nähe. Wurden die Kitze jedoch erst einmal von Menschen angefasst, nehmen sie ihre Jungtiere nicht mehr an.

Beobachtung mit Wildkamera

Sobald Spaziergänger Förster informieren, müssen sie sich keine Sorgen mehr um das gefundene Kitz machen. Ralph Steffen erklärt: „Wir stellen Wildkameras auf und beobachten das Kitz solange, bis seine Mutter erscheint“. Ist dies nicht der Fall, kommt es manchmal sogar vor, dass Rehkitze von fremden Rehen adoptiert werden. Im Zweifelsfall wird das Kitz an Helfer vermittelt, die es dann großziehen.

2017 zog Anne Steffen bereits das von Mähmaschinen verletzte Kitz Lucy auf, im Jahr danach die beiden Findelkinder Kurt und Frieda. Dieses Jahr kommt es vermehrt zu Fällen: Einen „unangenehmen Corona-Effekt“, nennt Ralph Steffen das. Denn durch die Corona-Beschränkungen sind vermehrt Spaziergänger und Wanderer in den Wäldern unterwegs. Zu einem Problem für Natur und Wildtiere wird dies jedoch erst, wenn Menschen von Wanderwegen abweichen und Wildtiere in ihrem Lebensraum stören. Selbst Corona-Partys seien in den Wäldern veranstaltet worden, berichtet der stellvertretende Kreisjägermeister. Gerade im Frühling, insbesondere im Mai, ist der Wald aber eine riesige Kinderstube, die nicht gestört werden möchte. Die Dunkelziffer der Fälle, in denen Spaziergänger Wildtiere mit nach Hause nehmen, ist hoch.

Ein schwerwiegenderes und bedrohlicheres Problem für Rehkitze sind außerdem Mäharbeiten. Jährlich werden rund 100.000 Rehkitze durch Mähmaschinen verletzt oder getötet. Die Rehkitzrettung Rhein-Neckar, die am Donnerstag, 18. Juni, gegründet wird, möchte sich diesem Problem annehmen. Sie organisiert, dass Felder abgesucht werden, bevor die Mäharbeiten beginnen.

Die Rehkitze Gretel und Wilhelm sind zwischen dem 22. und 25. Mai geboren worden. Bis Ende Oktober bleiben die beiden bei Familie Steffen und werden im Anschluss in der Region ausgewildert.

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