Metropolregion

Prävention Interaktives Theaterstück „Trau dich!“ soll Kinder gegen Missbrauch und Übergriffe stark machen

Gefühle als Alarmanlage

Archivartikel

Landau.Die achtjährige Alina mag den Verlobten ihrer großen Schwester Maja richtig gerne. Dennis ist total lustig und irgendwie selber noch ein Kind. Doch als sie mit ihm alleine im Auto sitzt, legt er seine Hand auf ihren Oberschenkel, sagt seltsame Sachen und kommt ihr so nah, dass sie am liebsten schreien würde. Im Zuschauerraum der Landauer Stadthalle wird es vor Schreck über diesen gespielten Übergriff auf der Bühne ganz still. Alina ist völlig durcheinander, schämt sich und glaubt, etwas falsch gemacht zu haben. „Ich werde niemals irgendjemand irgendwas erzählen“, sagt sie und versteckt sich in einem Zelt aus Stoffbahnen.

Einladung des Bistums Speyer

Mit eindringlichen Szenen will das Theaterstück „Trau dich!“ Kinder stark machen, ihren Gefühlen zu vertrauen und Grenzen zu setzen. Auf Einladung des Bistums Speyer macht das Schauspiel gegen Missbrauch – das zentraler Teil des Aktionsplans der Bundesregierung zum Schutz von Kindern ist – in Landau Station, wo 520 Kinder zwischen acht und zwölf Jahren zusehen.

Die Kinder im Publikum finden, dass Alina unbedingt über dieses schreckliche Erlebnis sprechen muss. „Es gibt Geheimnisse, die darf man erzählen, sonst kann einem niemand helfen“, sagt eine Sechstklässlerin in das Mikrofon, mit dem die Schauspieler der Hildesheimer Theaterkompanie Kopfstand zwischen den Szenen Stimmen im Zuschauerraum einsammeln. Schon vor Beginn des Stücks sind die fröhlichen Akteure im Foyer unterwegs und lassen die Schüler Gefühle wie Wut oder Angst pantomimisch darstellen. Und sie fragen, wofür man Gefühle braucht. Die Antworten werden gefilmt oder auf Tonband aufgenommen und fließen wieder in die mediale Theatercollage über Gefühle, Grenzen und Vertrauen ein. Obwohl das Stück 70 Minuten dauert, bleiben die Schüler am Ball. Nirgends wird heimlich gequasselt und überall schnellen Finger nach oben, wenn das Mikrofon auf Reisen geht.

Vielleicht auch deshalb, weil die Geschichten der fiktiven Helden ohne erhobenen Zeigefinger auskommen und aus der Lebenswirklichkeit von Kindern stammen. Und natürlich, weil die Zuschauer mitmachen dürfen.

Sie helfen dem zehnjährigen Vladimir dabei, einen Brief an seine Oma zu schreiben. Denn die überzieht den Jungen mit Schlabberküssen und nennt ihn immer „Purzelbäumchen“, obwohl er das überhaupt nicht leiden kann. Allerdings hat Vladimir seine Oma auch sehr lieb und will ihr auf keinen Fall wehtun. „Liebe Oma, ich mag’ es nicht so, wenn Du mich dauernd küsst ... aber ich hab’ Dich ganz doll lieb ... Es hat nichts mit Dir persönlich zu tun ... Basta la Pasta liebe Omi“, formulieren sie gemeinsam.

Mit dem Gruppenzwang kämpft Paula, die sich für Jungs noch gar nicht so sehr interessiert wie ihre beste Freundin. Immer wieder will diese von Paula wissen, wann sie ihren Freund endlich „so richtig küsst.“ Im Traum sieht Paula Filmeinblendungen von Kindern, die ihr erklären, dass es ganz egal ist, ob man mit zwölf, 15 oder 25 küsst. Hauptsache, man ist bereit dafür.

„Ich muss also gar nicht?“, fragt Paula glücklich. „Nein, man muss nur Zähne putzen“, lautet die Antwort. Vielleicht kommt „Trau dich!“ auch deshalb so gut an, weil sich alle auf den Besuch vorbereitet haben: „Es gab einen Workshop für die Lehrer und einen Infoabend für die Eltern“, erzählt Anja Ziebler-Kühn vom Kinderschutzdienst Landau. Überrascht seien viele Eltern gewesen, dass Dreiviertel der Täter aus dem näheren Umfeld kommen. Traurige Tatsache sei es, dass missbrauchte Kinder im Durchschnitt sechs bis sieben Erwachsene ansprechen müssen, bevor ihnen jemand glaubt.

Für Thomas Mann, den Leiter der Abteilung katholische Schulen beim Bistum Speyer, kommt es darauf an, das Theaterstück nicht als einmalige Aktion zu betrachten, sondern durch schulische Schutzkonzepte nachhaltig weiterzuführen. So sieht es auch Maria Nicklas, Rektorin der Maria-Ward-Schule, an der es regelmäßig Kompetenztage gibt.

Wofür man Gefühle braucht, ist den Schülern nach der Aufführung klar: „Sie sind eine Art Kompass und eine gute Alarmanlage, wenn etwas nicht stimmt“, sagt eine Zwölfjährige. Und ihre Freundin ergänzt: „Man braucht sie, um das Wichtige vom Unwichtigen zu unterscheiden.“

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