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Umwelt Gönnheim mit extremen Nitratwerten / Präsident des Bauern- und Winzerverbands findet Messungen problematisch

Gönnheim: Diskussion um Nitratwerte

Gönnheim.Wolfram Meinhardt war am Donnerstag vor allem eins: verwundert. 322 Milligramm Nitrat pro Liter sind in seiner kleinen Ortsgemeinde im Grundwasser nachgewiesen worden. Der bundesweit höchste Nitratwert, gemessen zwischen 2013 und 2017. „Ich war schon in einem leichten Schockzustand“, erzählt der Bürgermeister des pfälzischen Örtchens Gönnheim. Und nicht nur er: Winzer und Landwirte riefen bei ihm an, fragten sich: „Wie kann das sein?“

Die EU-Kommission und Deutschland sind wegen des Nitrats schon seit Jahren im Streit. Der Europäische Gerichtshof (EuGH) befand einst, dass die Bundesrepublik gegen das EU-Recht verstößt. Die Deutschen würden zu lasch mit dem Thema umgehen und vor allem zu wenig gegen die Überdüngung mit Gülle und Verunreinigung des Grundwassers durch Nitrat unternehmen. Ende Juli dieses Jahres setzte die Brüsseler Behörde der Bundesregierung eine letzte Frist von zwei Monaten, um mehr für den Schutz der Gewässer zu unternehmen. Sollte dies nicht gelingen, wird der Fall erneut vor dem EuGH aufgerollt und Deutschland drohen Geldstrafen in Millionenhöhe.

Düngeverhalten optimieren

Klar ist, dass in Regionen mit ausgeprägter landwirtschaftlicher Nutzung das Grundwasser an vielen Stellen zu stark mit Nitrat belastet ist. Der Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter wird überschritten - auch in Rheinland-Pfalz. Die Sprecherin der Struktur- und Genehmigungsdirektion Süd (SGD Süd) Nora Schweikert erklärt, dass Weinbaugebiete wie der Haardtrand und Gemüseanbauflächen, zum Beispiel in Frankenthal und Ludwigshafen, besonders betroffen sind. In Neustadt an der Weinstraße, Schifferstadt oder Meckenheim liegen die Werte weit über 200 Milligramm pro Liter - aber an Gönnheim kommt keiner ran.

Die Ortsgemeinde mit etwa 1500 Einwohnern liegt zwischen Rhein und Haardt. Hier wird bedingt durch das milde Klima viel Wein angebaut. Und zwar naturnah. Ein Blick auf die Internetauftritte der vielen Winzer reicht aus, um zu begreifen, dass in Gönnheim Bio groß geschrieben wird. Auch Meinhardt besitzt ein Weingut, aus tiefster Überzeugung gehe er mit der Umwelt „sorgsam“ um.

Der ökologische Landbau wird auch vom Land gefördert: „Von 2010 bis 2017 ist die ökologisch bewirtschaftete Fläche von rund fünf auf etwa zehn Prozent angewachsen“, so Schweikert. In der Vorderpfalz sowie Südpfalz seien zudem seit 2009 Kooperationsprojekte (wie in Maikammer, Venningen, Steinfeld, Frankenthal) zwischen der Landwirtschaft beziehungsweise dem Weinbau und Wasserversorgungsbetreibern eingerichtet worden. „Es wird nur noch so viel Stickstoffdünger eingesetzt, wie der Boden oder die Pflanze benötigt.“ Trotzdem ist die Zahl 322 real, nur der Grund ist nicht ganz klar. Die SGD Süd verweist auf allgemeine Ursachen, die das Ministerium für Umwelt, Energie, Ernährung und Forsten (MUEEF) zusammengestellt hat: Sandige Lehmböden oder geringes Grundwassergefälle und Nitratrückhaltevermögen der Böden. Meinhardts Erklärungsansatz: Der Messpunkt, der schlecht verortet ist und keine aussagekräftigen Daten liefert. Eine neue Messstelle muss her, findet er.

Die Zickzack-Bewegungen in der Ganglinie (oben) unterschreichen diese Theorie. Während die 322 Anfang 2017 gemessen wurde, sank diese Zahl ein halbes Jahr später auf 151. Im Mai 2018 stiegt der Nitratgehalt wieder auf 299 an. So oder so: „Einzelne Messstellen rauszusuchen macht wenig Sinn“, findet Eberhard Hartelt, Präsident des Bauern- und Winzernverbands Rheinland-Pfalz Süd (BWV). „Zahlen aus den Jahren 2013 bis 2017 bringen uns nicht weiter, vor allem nicht, weil das verschärfte Düngerecht erst seit 2017 gilt.“ Statt abzuwarten und alles wirken zu lassen, würde in einer Zeit, wo ohnehin über eine erneute Verschärfung der Düngeverordnung nachgedacht wird, ein unnötiger Streit entfacht werden. Natürlich, das Nitratproblem sei nicht wegzudiskutieren. Regionen, die wirklich betroffen sind, müssten sich ihrer Verantwortung stellen und ihr Düngeverhalten optimieren. „Aber es muss auch differenzierter und engmaschiger gemessen werden.“ Zum Beispiel würde bei neuen Gesetzesentwürfen nicht beachtet werden, wie viel es in einer Region regnet. Mehr Niederschlag bedeute nämlich ein Verdünnungseffekt des Nitrats. Durch die „pauschale Verunglimpfung“ würden Landwirte bestraft und in eine „Sackgasse getrieben“ werden, die sich vorbildlich an die Auflagen halten. Der Marktdruck des Handels trage zum Kernproblem bei: „Wieso darf ein Salat keine gelben Blätter haben?“ Auch darüber müsse nachgedacht werden.

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