Metropolregion

„Größte Schwätzer waren still“

Archivartikel

Von unserem Redaktionsmitglied

Thomas Schrott

In einem mit Betonplatten abgedeckten Laufgraben in der Gartenstadt, der einen Volltreffer erhält, kommen 70 Personen im Januar 1943 um Leben. Nach dem Angriff mit rund 80 000 Bomben auf Ludwigshafen in der Nacht vom 5. auf den 6. September 1943 sind hingegen „nur“ 129 Tote zu beklagen. Viele Bürger sind zuvor in die Bunker gerannt und überleben dort den Feuersturm. Ohne die massiven Betonbauten hätte es viel mehr Tote gegeben. Dabei steht der Schutz der Zivilbevölkerung ursprünglich beim Bunkerbau weniger im Mittelpunkt als ein anderer Grund – die Arbeitskräfte kriegswichtiger Betriebe sollen überleben.

Dazu zählen vor allem die IG Farben, zu der damals die BASF gehört. Hier werden etwa Materialen zur Sprengstoffherstellung, Farben und Arzneimittel, aber auch Gummiersatzstoffe für Panzer und andere Fahrzeuge hergestellt. Metallbetriebe wie Halberg liefern Pumpen und Motoren – etwa für die U-Boote. Weil die Chemiestadt die nächstgelegene Industriestadt zur Front im Westen ist, entsteht ab 1940 ein ungewöhnlich dichtes Netz an Schutzräumen, sagt Klaus-Jürgen Becker, stellvertretender Leiter des Stadtarchivs.

Den Auftakt machen acht Bunker rund um das IG Farben-Werksgelände. Aus Tarngründen erhalten sie ein Walmdach wie die Nachbargebäude. 20 weitere folgen. Sie haben mal einen achteckigen Grundriss, mal eine Spitzform oder sind unterirdisch wie am heutigen Berliner Platz. Nach 1942 ist mit dem Bunkerbau erst einmal Schluss. Beton und Stahl werden für den Bau des Atlantikwalls gebraucht.

Beim Angriff im September 1943 können sich die Ludwigshafener in 28 Bunker retten, davon fünf in der Innenstadt. Sie sind völlig überfüllt. Auf Platzkarten wie in den ersten Kriegsjahren achtet niemand mehr. „Wir spürten die Druckwellen, wenn Bomben in der Umgebung explodierten. Da wurden auch die größten Partei-Schwätzer still“, berichtet Zeitzeugin Auguste Hoffmann. „Es war die Hölle. Das wütende Krachen der Flaksalven und die ersten Bombeneinschläge steigerten sich zu einem unbeschreiblichen Trommelfeuer“, ergänzt Richard Braun, der den Angriff in Mundenheim erlebt.

Auch unter dem Eindruck dieses Bombardements wird 1944 ein drittes Bunkerprogramm in Ludwigshafen gestartet. Dabei werden die Gebäude größer und die Bunkerdecken verstärkt – vier statt zuvor zwei Meter dick. Auch nach der Befreiung Ludwigshafens im März 1945 flüchtet die verbliebene Bevölkerung weiter in die Bunker. Denn die deutsche Artillerie feuert noch eine Woche lang von Mannheimer Seite auf alliierte Truppen – bis auch dort die Waffen schweigen.

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