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BASF-Prozess Am vierten Verhandlungstag schildert ein Brandmeister, wie er die Katastrophe erlebt hat

„Ich steig’ in kein Feuerwehrfahrzeug mehr“

Ludwigshafen/Frankenthal.Durch die Berichte der Betroffenen wird das abstrakte Unglück vom 17. Oktober 2016 im Frankenthaler Landgericht sehr konkret – und schockierend anschaulich. Ein weiterer Augenzeuge hat gestern im Prozess um die BASF-Explosionskatastrophe seine Erlebnisse geschildert. Der 53-jährige Brandmeister bei der Werkfeuerwehr tritt auch als Nebenkläger auf. Eigentlich wollte er gar nicht persönlich aussagen.

Die Aussagen der Kollegen haben ihn jedoch darin gestärkt, ebenfalls in den Zeugenstand zu treten. Seine Schilderungen hören sich an wie aus einem Actionfilm, waren jedoch grausame Realität.

Der Mann, der seit 37 Jahren bei der BASF und seit 30 Jahren bei der Werkfeuerwehr arbeitet, war nach der Alarmierung mit dem Schaumlöschfahrzeug zum Einsatz in den Landeshafen Nord gefahren. Er sei gerade ausgestiegen, um sein Atemgerät anzulegen, als die Explosion den Rohrleitungsgraben zerfetzte.

„Mir hat es die Füße weggezogen“, berichtet er. Er sei mit der Druckwelle durch die Luft geschleudert worden und gegen die Bordwand des Tankschiffs geprallt und in den gut einen Meter breiten Spalt zwischen Kaimauer und Bordwand ins Wasser gerutscht. Vergeblich habe er versucht, einen Halt an der glatten Bordwand zu finden: „Ich wusste nicht, bin ich tot oder lebe ich überhaupt noch“, sagt er. In einigen Metern Entfernung entdeckte er schließlich einen Poller, zu dem er hingeschwommen sei. Währenddessen habe er gehört, wie offensichtlich Metallteile auf dem Tankschiff einschlugen. Zwei Feuerwehrkollegen, die die Explosion ebenfalls ins Hafenbecken katapultiert hatte, seien auf ihn zugeschwommen. Er habe sie wegen ihrer Verbrennungen gar nicht erkennen können.

Augenzeuge ringt um Fassung

Aus Angst, dass das Tankschiff ablegen und sie zerquetschen oder selbst in Flammen aufgehen könnte, wollte der Brandmeister zum Hafenausgang schwimmen, weil es dort einen leichteren Ausstieg aus dem Wasser gibt. Für die Kollegen am Poller wollte er Hilfe organisieren.

In zwei Etappen schaffte er es schließlich zur Treppe. Dort lag ein weiterer Kollege, ebenfalls völlig verbrannt. Er nahm ihn auf die Schulter. Beim Ausstieg aus dem Wasser zog er sich Verbrennungen am rotglühenden Handlauf zu. Dann entdeckte er seinen toten Zugführer. Der Augenzeuge schluckt schwer und ringt um Fassung, als die Erinnerungen ihn zu überwältigen drohen.

Er wurde schließlich von Kollegen entdeckt und schickte Hilfe für die beiden Kameraden im Hafenbecken. Dann wurde er zum Sammelplatz zu den anderen Verletzten gebracht.„Ich habe die Kollegen alle nicht mehr wiedererkannt“, sagt er. Er kam mit Verbrennungen zweiten Grades in die Unfallklinik nach Oggersheim.

Bis heute plagen den 53-Jährigen posttraumatische Belastungsstörungen. Er kann nicht mehr ruhig schlafen und ist froh, wenn er an guten Tagen den Alltag zuhause bewältigen kann. Bei der Feuerwehr arbeitet er nicht mehr. „Ich steig’ in kein Feuerwehrfahrzeug mehr“, sagt er.

Augenzeuge war auch ein 64-jähriger Mitarbeiter einer Fremdfirma, der als Brandsicherungsposten arbeitete und für den Brandschutz an der Baustelle zu sorgen hatte. Er war seit 2010 bei der BASF in dieser Position tätig. Sechs bis acht Meter habe er entfernt gestanden und noch vergeblich versucht, nach dem verhängnisvollen Schnitt die Flammen mit einem Feuerlöscher zu ersticken. Eine farbliche Markierung als Hinweis für die Arbeiter, wo sie die Flex ansetzen sollten, habe er an den fraglichen Rohren nicht gesehen. Dank der Anweisungen des Schichtmeisters blieb er unverletzt.

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