Metropolregion

Anstoß für ein neues Leben Ex-Fußballprofi Martin Wagner trainiert mit den Gefangenen der Jugendstrafanstalt Schifferstadt

„Ihr habt alle mehr drauf“

Schifferstadt.Angestrengtes Atmen erfüllt die warme Luft der Sporthalle. Elf junge Männer in Fußballtrikots drücken ihre gestreckten Körper im schnellen Rhythmus vom Boden ab. „Na, wie viele Liegestütze schafft ihr?“, ruft Ex-Fußballprofi Martin Wagner fröhlich und katapultiert sich scheinbar spielend nach oben. Der ehemalige FCK-Spieler – der mit Aufsteiger Kaiserslautern 1998 auf Anhieb Deutscher Meister wurde – packt die Gefangenen der Jugendstrafanstalt Schifferstadt hart an. Wagner engagiert sich für die Sepp-Herberger-Stiftung des Deutschen Fußballbundes, die sich um die Resozialisierung junger Strafgefangener bemüht.

Einmal hinreißen lassen

„Vierzig!“ tönt es durch die Halle. „Mensch, ihr seid echt gut. So viele Liegestütze hab’ ich euch gar nicht zugetraut“, gibt Wagner lachend zu. Vor der Trainingseinheit versammelt der ehemalige Nationalspieler das Team und erzählt von seiner Jugend in einem „Scheiß-Viertel“ von Gewalt, Schlägereien, Drogen und Waffen. „Wisst ihr, ich hab’ Dinge gesehen, die niemand in seiner Jugend sehen sollte.“ Doch weil er immer nur Fußball im Kopf hatte, wollte er bei den angezettelten Prügeleien seiner Kumpels nicht mitmischen. Nur ein einziges Mal habe er sich hinreißen lassen: „Wir haben einem Motorradfahrer was Dummes hinterhergerufen und als der umgedreht und uns zur Rede gestellt hat, haben mein Freund und ich ihn verdroschen. Anschließend bin ich heimgerannt und hab’ am ganzen Körper gezittert“, erzählt er. Seine Mutter habe ihm auf den Kopf zugesagt, was passiert ist. „Sie war bitterböse und enttäuscht.“ Wochenlang habe er beim Anblick eines Polizeiautos wegrennen wollen. „Es ging ein halbes Jahr gut, dann haben mich meine tollen Kumpels verpfiffen und ich musste zur Polizei.“

Dort sei das volle Programm mit Fingerabdrücken und Fotos abgelaufen, „was ihr auch mitgemacht habt“. „Mussten Sie in den Knast?“, möchte jemand wissen. „Hey, wir duzen uns, okay“, sagt Wagner. „Ja, ich musste ein Wochenende in den Arrest und ich habe es gehasst, eingesperrt zu sein. So sehr, dass ich mir geschworen habe, meine Kraft nur noch für was Sinnvolles einzusetzen.“ „Fußball“ rufen alle.

„Genau! Wollen wir kicken? Also zieht euch um“, sagt Wagner und deutet auf den Karton mit den schwarzen Fußballtrikots des Projekts „Anstoß für ein neues Leben.“ Alle springen auf und suchen in der Kiste nach ihrer Größe. „Es gibt Trikots, Hosen und passende Socken“, verrät der Geschäftsführer der Herberger-Stiftung Tobias Wrzesinski. „Wir wollen die Jugendlichen aktiv auf ihre Zeit nach der Haft vorbereiten“, schildert er das Ziel der bundesweiten Initiative. Neben Sportprogrammen, Schiedsrichterlehrgängen und Musik-Workshops helfe die Stiftung bei der Suche nach Praktikumsplätzen und Lehrstellen. „Sepp Herberger hat 1970 in Bruchsal mit den Profi-Fußballerbesuchen in Haftanstalten angefangen, seitdem hat es Tradition.“

„Wenn es euch mal schlecht geht, schaut auf das Trikot und denkt dran, dass man manche Fehler nur einmal machen sollte. Sogar Stars wie Messi oder Ronaldo haben dunkle Seiten. „Steuerhinterziehung“, tönt es im Chor. „Spielst Du mit?“, fragt ein junger Mann mit schwarzen Locken. „Lieber nicht, ich bin ein Gefährder“, grinst Wagner. „Ich gefährde meine kaputten Knochen.“ Dann teilt er die Teams ein und pfeift an. Im Sekundentakt schallen Kommandos durch die Halle: „Nicht dribbeln da! Abschluss!“ oder „Geh’ geh’, du bist allein!“ Die Jungs wirbeln wie Profis zwischen den Toren hin und her und geben alles. Mit einem Becker-Hecht schlittert der Keeper über den Boden und kratzt den Ball von der Linie. „Sauber!“, klatscht Wagner, der am Spielfeldrand auf und ab tigert.

Umwege und Zwischenstopps

„Das sieht doch gar nicht so schlecht aus“, lobt der Ex-Profi seine Schützlinge in der Halbzeit. „Im Fußball gibt’s Regeln, im Leben auch. Also habt den Mut, Nein zu sagen, wenn euch jemand in was reinziehen will.“ „Eigentlich bin ich froh, dass es so gekommen ist, sonst wäre es vielleicht noch schlimmer geworden“, sagt ein junger Vater. „Jetzt versuche ich, meinen Weg zu gehen, aber manchmal gibt’s eben Umwege“, räumt er ein. „Vielleicht ist das hier ein Stopp, der sein musste“, vermutet der Linksfuß mit den gelben Schuhen. „Ich habe meinen Schulabschluss gemacht und fange bald eine Lehre an“, erzählt er stolz. „Ihr habt alle mehr drauf, als hier drin zu sein“, betont Wagner und ruft seine Truppe zum Kreis zusammen.

Info: Fotostrecke unter morgenweb.de/metropolregion

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