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Klimawandel Von der Trockenheit geschädigte Pfälzer Kiefern leiden unter Halbschmarotzern / 1000 Bäume in Haßloch gefällt

Misteln – die grünen Mitesser

Archivartikel

Ellerstadt.Kugelrunde Kissen schimmern hellgrün zwischen den Baumkronen hoch oben im Kiefernwald. Umwelt-Förster Joachim Weirich vom Forstamt Bad Dürkheim schaut durch sein Fernglas und deutet auf ein besonders stattliches Exemplar, an dem pralle weiße Beeren leuchten. „Dieser Wald ist in unserem Bezirk am stärksten vom Mistelbefall betroffen“, erklärt er. Die Halbschmarotzer seien wunderschön, bedeuteten aber für die Bäume, auf denen sie wachsen, Stress. Weirich geht auf einen kräftigen Baum mit fuchsroter Rinde und üppiger Krone zu: „Das ist ein Gewinnertyp, der wird den Befall überleben.“ Daneben ragen nadellose Baumgerippe in den fahlen Winterhimmel.

Schuld daran sei auch der Klimawandel: „Nach zwei heißen Sommern in Folge sind die Bäume ohnehin schon geschwächt. Da haben Krankheiten, Pilze und Schmarotzer wie die Misteln leichtes Spiel. Früher oder später werden sie die Bäume hier umlegen“, macht der Fachmann klar. So könne der immergrüne Überlebenskünstler zwar selbst Photosynthese betreiben, sich aber nicht mit Wasser und Nährstoffen versorgen. „Deshalb durchdringt die Mistel mit ihren Saugwurzeln die Rinde und zapft den Kreislauf des Baumes an. An den Ästen ist das nicht so tragisch, aber wenn sie in den Stamm eindringt, wird es gefährlich.“ So schnüre die Mistel der Kiefer praktisch den Lebenssaft ab.

Eine Drossel hilft der Mistel

Dass sich die alte Zauberpflanze heute wie magisch vermehrt, hänge ebenfalls mit dem Klimawandel zusammen. Da sei zum Beispiel die Misteldrossel, ein unscheinbarer Vogel, der gerne von den klebrigen weißen Beeren nascht. Als sogenannter Teilzieher fliegen manche Drosseln zum Überwintern in den Süden und manche nicht. „Da die Winter hier wärmer werden, verzichten immer mehr Vögel auf die strapaziöse Reise und bleiben hier.“ Verspeisen sie die weißen Beeren und hinterlassen ihren Kot an einem Zweig oder Ast, kleben sich die Samen an der Rinde des künftigen Wirtsbaumes fest. Treibe ein Samen aus, bilde sich eine Haftscheibe, die der Jungpflanze Halt garantiere. Tatsächlich herrscht hoch über den winterlichen Wipfeln reges Treiben. „Das Bekämpfen der Mistel würde sich nicht lohnen“, berichtet Weirich. Sterben die Kiefern ab, pflanze man neue Bäume, die besser mit dem Klimawandel klarkommen. Beim Gang durch den Ellerstadter Gemeindewald tauchen immer wieder Holzzäune auf, die junge Bäume vor Wild schützen. „Hier wachsen Buchen und dort drüben Birken und Esskastanien“, nimmt Weirich zwei Schonungen in den Blick. Beim Neupflanzen wähle das Forstamt bewusst Bäume aus, die schon immer in der Pfalz gewachsen sind. „Auch Fichten setzen wir zum Beispiel nicht mehr, die gehören in die Alpen. Diese Flachwurzler fallen bei einem Sturm schnell um“, schildert der Experte die Nachteile von „ortsfremden“ Bäumen.

Mit schmatzenden Schritten bahnt sich Weirich den Weg durch einen schlammigen Teil des Waldes und schaut sich zwei winzige Haselnussbäumchen näher an. Alle Revierförster beobachteten genau, wie es ihren Schützlingen geht. „Durch den Klimawandel wird das aber immer schwieriger, weil man manche Auswirkungen noch gar nicht richtig einschätzen kann. Doch bei Schädlingen wie dem Borkenkäfer muss man schnell reagieren.“

Selbst wenn es im Winter viel regne, nutze das den Bäumen nichts: „Die sind jetzt in der Winterruhe und was sie in der Wachstumszeit nicht bekommen, kann man nun nicht nachfüttern. Vielleicht stellen sich die Bäume zukünftig um und wachsen auch im Winter, wenn es mit der Trockenheit so weitergeht.“ Was die nähere Zukunft angeht, sieht Weirich eher schwarz: „Wir befürchten, dass sich der Mistelbefall bis zum Haardtrand ausbreiten wird.“ Erst in diesem Jahr seien in Haßloch 1000 Bäume gefällt worden, weil zu den Misteln noch ein Pilz hinzukam. „Die Kiefern wären irgendwann einfach umgefallen. Und wenn es für Waldbesucher gefährlich werden kann, müssen wir handeln.“

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