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Justiz Afghanischer Familienvater muss wegen gefährlicher Körperverletzung mehr als vier Jahre in Haft / Ehefrau gewürgt

„Mit beiden Händen zugedrückt“

Landau.Der schmächtige Mann im blau-karierten Hemd schüttelt unablässig den Kopf. Daumen und Zeigefinger massieren die Nasenwurzel und der Blick geht ins Leere. „Deutschland ist Frauenland – dieses Zitat des Angeklagten fasst die gesamte Tragik des Falls zusammen“, formuliert der Vorsitzende des Landauer Schwurgerichts, Jörg Bork, was der Afghane Sattar M. nicht verstehen kann – vielleicht auch nicht verstehen will. „Sie sitzen aber nicht hier, weil Sie ein Mann sind, sondern weil Sie versucht haben, ihre Ehefrau zu erwürgen“, betont Bork. Wegen gefährlicher Körperverletzung schickt die Strafkammer den 42-Jährigen deshalb vier Jahre und drei Monate ins Gefängnis. Für den Mann aus Afghanistan steht damit die Abschiebung in die Heimat im Raum, da bei jeder verhängten Strafe, die über drei Jahren liegt, abgeschoben werden muss.

Hoffnung auf ein besseres Leben

Für den Vorsitzenden liegt „die Wurzel der Tat“ in Afghanistan: „Der Angeklagte ist in einem Land aufgewachsen, in dem Männer das Sagen haben. Er und seine Frau sind jung verheiratet worden und lebten in einfachen wirtschaftlichen Verhältnissen in einem von Kriegsgewalt erschütterten Land. Beide sind Analphabeten und ihre Bildung bestand darin, irgendwie zu überleben und den Alltag zu meistern.“ Irgendwann habe Sattar M. beschlossen, mit seiner Frau und den vier Kindern nach Deutschland auszuwandern, um dort ein besseres Leben mit mehr Geld und mehr Sicherheit zu führen. „Ohne das Land und die Gesellschaft dort zu kennen.“

In der Pfalz angekommen, seien die beiden älteren Kinder, die damals 13 und 16 Jahre alt waren, schnell den Verlockungen der westlichen Welt erlegen und aus dem patriarchischen Familien-Clan ausgebrochen. „Sie haben sich mit den alten Mitteln wie Schlägen nicht mehr einfangen lassen, weil Gewalt in der Familie hier verboten ist“, fasst der Vorsitzende zusammen.

Sattar M. schüttelt verzweifelt den Kopf, als Bork davon spricht, dass seine Frau ihr Kopftuch abnahm und ausging, sich im Deutschkurs neben Männer aus anderen Ländern setzte und Dinge tat, die sie sich in Afghanistan nie getraut hätte. „Ihre Ehe war nie auf Liebe, Fürsorge und Respekt aufgebaut. Ihre Frau hat hier im Zeugenstand gesagt, dass sie erst in Deutschland gemerkt hat, dass nicht alle Männer böse sind.“ Das sei ein sehr bezeichnender Satz.

Sattar M. habe seiner Frau unterstellt, dass sie ihn mit einem anderen Afghanen aus Landau betrügt, was diese stets abstritt. Als die 35-Jährige ihr Smartphone daheim liegenließ, „haben Sie eine Sprachnachricht des angeblichen Liebhabers entdeckt, die das Fass zum Überlaufen brachte“, so Bork. Während er seine Frau mit der Nachricht konfrontiert habe, verlangte diese ihr Handy zurück: „Im Streit um das Telefon haben Sie mit beiden Händen um ihren Hals gegriffen und kräftig zugedrückt“, sagt der Richter. Die Kammer sei überzeugt, dass er solange gewürgt hat, bis die beiden kleinen Söhne ins Zimmer kamen. „Die Tötung einer Ehefrau, weil sie die Familienehre verletzt hat, liegt in ihrem Kulturkreis näher als bei uns, deshalb ist die Hemmschwelle für eine solche Tat niedriger.“ Hätte Sattar M. sie nur bestrafen wollen, „warum haben Sie ihre Frau dann nicht geschlagen wie sonst auch immer?“

Die 35-Jährige habe den Vorfall direkt nach der Tat im Krankenhaus, bei der Polizei und auch im Zeugenstand glaubwürdig geschildert. Wieder schüttelt Sattar M. den Kopf. „Das Gericht glaubt Frauen nicht, weil sie Frauen sind. Jede Aussage wird von uns grundsätzlich gleich behandelt. Und Sie haben von Anfang an nur Blödsinn erzählt“, reagiert Bork auf die Geste. M. hatte zunächst gesagt, dass seine Frau ihn mit einer Kleiderstange geschlagen und er sie deshalb aufs Bett geschubst hatte. „Das war gelogen, denn die Verletzungen sprechen eine andere Sprache.“ Es gebe allein drei Versionen, welche Rolle die Kleiderstange gespielt haben soll.

Nach der Urteilsverkündung fragt der 42-Jährige seinen Verteidiger Jan Ernemann, wann er nun abgeschoben werde. „Frühestens nach zwei Jahren“, antwortet der Anwalt, der sein Hauptziel – eine Verurteilung wegen versuchten Mordes zu verhindern – erreicht hat. „Wir werden aber wegen der hohen Strafe über eine Revision reden.“

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