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Justiz Im Darmstädter Verfahren um das Mörlenbacher Familiendrama sagt die Angeklagte überraschend aus

Mutter weist Schuld von sich

Darmstadt/Mörlenbach.Die Mutter der zwei getöteten Kinder hat ihr Schweigen gebrochen. Sie, die laut Anklage gemeinsam mit ihrem Ehemann gemeinschaftlich und heimtückisch ihren Sohn (13) und ihre Tochter (10) in der Nacht zum 31. August im gemeinsamen Haus in Mörlenbach-Bettenbach ermordet haben soll, hat am fünften Verhandlungstag eine Erklärung verlesen. Die Frau, die wie ihr Mann von Beruf Ärztin ist, wirkt gefasst, als sie schildert, wie sie die Jahre der Insolvenz und der Zuspitzung der Situation empfunden hat. Ihr Gesicht verschwindet hinter Haarsträhnen.

Die Schilderungen um die finanzielle Situation nehmen den größten Teil ihrer Erklärung ein. Erst, als sie über die Tatnacht spricht, zittert ihre Stimme, droht zwischendurch zu versagen, aber die Angeklagte fängt sich immer wieder. „Ich habe und hatte bis heute nur bruchstückhafte Erinnerungen an die Nacht“, sagt sie. Und weiter: „Dass meine beiden Kinder tot sind, habe ich vielleicht bis heute nicht verstanden.“ Eine Beteiligung an der Tötung der Kinder streitet die 46-Jährige ab. Einen Plan habe es nicht gegeben. Ihr Mann hatte nach der Tat zunächst gesagt, die Tötung der Kinder sei gemeinschaftlich ausgeführt worden.

Ihr sei an jenem Abend erst wirklich bewusst geworden, dass die Zwangsräumung am folgenden Morgen nicht mehr zu verhindern gewesen sei. Dass sie keinen Ort hätten, an den sie gehen könnten. Bis zu diesem Zeitpunkt habe sie sich immer wieder auf ihren Mann verlassen. Am Vorabend der Tatnacht habe sie das Beruhigungsmittel Tavor genommen. In der Nacht sei sie aufgewacht. Ihr Mann habe wohl auch nicht schlafen können. Sie habe einen Rucksack mit den wichtigsten Dingen gepackt und auf dem Nachbargrundstück abgelegt. Das habe sie aus Angst getan, dass ihr der Rucksack bei der Räumung abgenommen werden könnte.

„Geh’ dich verabschieden“

„Als ich wieder ins Haus gekommen bin, sah ich meinen Mann mit dem blutigen Messer an der Treppe. Da ahnte ich, was er getan hatte“, erinnert sie sich. Sie schildert weiter, wie er ihr gesagt habe: „Geh’ dich jetzt verabschieden.“ Wie sie zu den Kindern gegangen sei, erst zu ihrem Sohn, dann zur Tochter. „Sie hatte keinen Puls. Ich habe ihr ihren Teddy in den Arm gedrückt.“ Als sie die Zimmer verließ, habe sie gesehen, wie ihr Mann das Messer und den Hammer im Waschbecken abgespült habe, „wie nach einer OP“. „Ich habe ihn aufgefordert, mich auch zu töten. Ihn gebeten, mir mit der Axt den Schädel einzuschlagen.“

Aber ihr Mann habe das abgelehnt. Er könne das nicht noch mal. „Er gab mir Tabletten und sagte, ich müsse mit ihm ins Auto kommen.“ Danach habe sie bis zum Aufwachen im Krankenhaus keine Erinnerung mehr. „Mir ist im Laufe des bisherigen Verfahrens Emotionslosigkeit vorgeworfen worden“, sagt die Mutter am Ende ihrer Erklärung. „Keine Emotionen zuzulassen, ist für mich im Moment die einzige Möglichkeit, zu funktionieren. Ich habe meine Kinder nicht getötet, aber ich habe ein bleiernes, schweres Gefühl von Schuld, weil ich nicht mit ihnen weggegangen bin.“ Dann ist es ruhig im Saal. Richter Volker Wagner unterbricht die Stille: „Machen Sie ihrem Mann Vorwürfe?“ Die Frau antwortet kurz: „Im Moment bin ich noch nicht soweit.“ sf