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BASF-Prozess Verfahren kreist um die Frage, ob bessere Sicherheitsvorkehrungen das Unglück verhindert hätten

Neuer Blick auf alten Fehlschnitt

Archivartikel

Frankenthal.Ein Trennschleifer-Schnitt von 2011, der Zustand der Rohre vor dem Unglück, Lecks an einer Pipeline mit brennbarem Inhalt, fehlende Beschilderungen und eine unverlangte Stellungnahme des Chemiekonzerns haben am Montag die Beweisaufnahme im Prozess um die Explosionskatastrophe bei der BASF vor dem Frankenthaler Landgericht bestimmt. Ein Gutachter des TÜV Süd aus Mannheim berichtet von seiner Überprüfung der Leitungen im Rohrgraben. Demnach waren die Pipelines vor dem Störfall am 16. Oktober 2016 auf dem aktuellen Stand der Technik. „Die Wandstärken der Rohre waren alle innerhalb der Norm. Allerdings würde ich die Beschilderung der Leitungen verbesserungswürdig nennen.“

Die Kennzeichnungsmängel seien von den BASF-Kontrolleuren in den Prüfberichten, die er ausgewertet habe, aber mit niedrigen Prioritäten eingestuft worden: „Die Piktogramme sollten bis Ende 2017 angebracht werden.“ Gefährliche Mängel – wie drei Lecks an einer Leitung mit brennbarem Naphtha – seien von der BASF sofort behoben worden. Die Abnahme der ausgebesserten Leitung 29 sei laut BASF wenige Tage vor dem Unglück erfolgt.

Für Diskussionsbedarf sorgt ein Fehlschnitt in eine Leitung für verflüssigten Ammoniak. Den hatte der leitende Experte des TÜV München im März in den Blick gerückt: So war bereits 2011 ein falsch gesetzter Trennschleifer-Schnitt in Leitung 24 entdeckt und dokumentiert worden. Bemerkt hatte ihn ein Ingenieur, der im Auftrag der BASF Pipelines mittels Ultrasachall kontrolliert und als Zeuge geladen war. „Ich habe bei einer Sonderprüfung das komplette Ammoniak-Netz mit 28 Kilometern Länge überprüft und 1000 Fotos gemacht“, sagt er. Dabei sei er auf den 1,2 Zentimeter langen und 2,3 Zentimeter breiten Schnitt gestoßen, habe ihn fotografiert und im Protokoll festgehalten. Erkundigt habe sich danach aber niemand bei ihm.

„Nun hat sich die BASF bemüßigt gefühlt, Berechnungen anzustellen, ob dieser Schnitt tatsächlich von einem Trennschleifer stammen kann“, sagt der Vorsitzende Richter Uwe Gau. Er hatte am vergangenen Verhandlungstag Fotos dieses alten Schnittes angefordert, stattdessen habe der Chemiekonzern eine komplette Stellungnahme zu der „mechanischen Beschädigung“ eingereicht, was der Vorsitzende „kritisch“ nannte. Auch der Mannheimer TÜV-Experte spricht davon, dass das Chemieunternehmen mittlerweile nicht mehr davon ausgeht, dass der 2011er-Schnitt tatsächlich von einem Trennschleifer stammt. Tiefe und Länge passten nicht zu einer Flexscheibe, das habe ihm ein BASF-Mitarbeiter berichtet. Dieser habe ihm auch Bilder davon zeigen wollen. „Aber ich war unsicher, ob ich als Gutachter von den Ergebnissen dieser firmeninternen Untersuchung Kenntnis haben darf.“

Bruchstückhafte Erinnerung

„Man muss sich natürlich fragen, ob es so entscheidend ist, ob die Beschädigung durch eine Flex verursacht wurde. Selbst wenn sie durch ein anderes Werkzeug entstanden ist, macht es das nicht besser.“ Gau möchte von dem Fachmann für Anlagensicherheit vielmehr wissen, „ob der kleine Schnitt 2011 nicht größere Wellen hätte schlagen müssen“, um solche gefährlichen Verwechslungen für die Zukunft zu vermeiden. „Das kann ich nicht beurteilen“, betont der Gutachter.

Da der angeklagte Schlosser das Unglück durch einen Schnitt in die falsche Leitung ausgelöst haben soll, kreist der Prozess immer wieder darum, ob das Unglück durch größere Sicherheitsmaßnahmen hätte verhindert werden können. Der 63-Jährige erinnert sich nur bruchstückhaft, sagte aber vor Gericht: „Ich denke, es war das richtige Rohr.“

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